Review: Legendry – Mists of Time/Dungeon Crawler

Label/Vertrieb: Golden Core/ZYX
Release: 30.10.2020

Legendry gehören zweifellos zu den Formationen, die zu 100% als Epic Metal Blog-kompatibel einzustufen sind. Das Trio aus Pittsburgh, Pennsylvania, ist seit dem Jahr 2015 aktiv und huldigt in erster Linie den Genre-Helden Manilla Road. Wir haben es demnach mit kauzigem, zu keiner Sekunde massenkompatiblem Epic Metal zu tun, der in dieser Art auch von Bands wie – natürlich – Ironsword, (den leider aufgelösten) Ravensire oder Throne Of Iron zu hören ist. Wer auf die genannten Künstler abfährt, wird Legendry lieben und darf bei der Doppel-CD Mists of Time/Dungeon Crawler bedenkenlos zuschlagen.

Der vorliegende Output bietet denjenigen, die Vidarr (Gitarre, Gesang), Evil St. Clair (Bass) und Kicker (Schlagzeug) vielleicht erst mit dem jüngsten, von zahlreichen Kritikern hochgelobten Longplayer The Wizard and the Tower Keep (2019) oder der frischen EP Heavy Metal Adventure (2020) kennengelernt haben, die Gelegenheit, die ersten beiden Studioalben mühelos zu einem sehr fairen Preis kaufen zu können. Letzteres war bis dato kaum möglich, weil das einstige portugiesische Label von Legendry rückblickend betrachtet wohl kein Glücksgriff war. Aber kommen wir zum Wesentlichen, zur Musik.

Beim Debüt Mists of Time (2016 erschienen) handelt es sich um einen Remaster aus dem laufenden Jahr, sodass vielleicht sogar Besitzer des raren Originals ein Ohr riskieren sollten. Ich kenne die alte Aufnahme offen gestanden nicht, denke jedoch, sie ist ziemlich roh. Auch die überarbeitete Version dürfte jeden Fan, der klinisches Nuclear Blast-Geballer gewohnt ist, verschrecken. Oder anders ausgedrückt: Ich bin glücklich, da ich einen Sound mit Charakter, d.h. mit Ecken und Kanten, in jeder Lebenslage bevorzuge. Zudem passt das Klangbild hervorragend zu den Kompositionen, die wie ein ausgiebiger Epic Metal-Gottesdienst auf mich wirken. Die vier überlangen Tracks „For Metal, We Ride“ (9:08), „Phoenix on the Blade“ (8:29), der Titelsong „Mists of Time“ (9:50) sowie allen voran der Rausschmeißer „Winds of Hyboria“ (12:07) erzeugen eine einzigartige Atmosphäre, die den Hörer in längst vergangene Zeiten zurückversetzt und von heroischen Schlachten träumen lässt. Für Gänsehaut sorgen die melancholisch-verträumten, hochemotionalen Gitarrenparts, die mitten ins Herz gehen. Ich behaupte mal, Vidarrs leidenschaftliches Spiel lässt keinen Epic Metal-Fan kalt. Kämpferische, kernig-metallische Passagen sorgen jedoch für Abwechslung, bei Legendry dürfen Eternal Champion-like auch Schwerter und Fäuste geschwungen werden, live werden Tracks wie „Phoenix on the Blade“ die Nerds in den vorderen Reihen ordentlich ins Schwitzen bringen (Ich rede von Konzerten, ihr erinnert euch? Bier, Plaudereien, schlechte Witze, Schweiß und so ein Kram…). Das bei jungen Epic Metal-Acts unvermeidliche „Necropolis“-Cover wird der Stimmung, die ich mir hier gerade wehmütig vor meinem Bildschirm ausmale, sicherlich keinen Abbruch tun – im direkten Vergleich mit der russischen Nachwuchshoffnung Vendel befindet man sich auf Augenhöhe.

Ich behaupte mal, Vidarrs leidenschaftliches Spiel lässt keinen Epic Metal-Fan kalt.

Change my mind

Bei Dungeon Crawler (ursprünglich 2017 veröffentlicht) handelt es sich „nur“ um ein Reissue – ein Remaster hätte hier meines Erachtens auch keinen Sinn gemacht, da der Sound prima ist. Gleich die erste Nummer, der Titeltrack, zeigt, weshalb man als Epiker die drei US-Amerikaner einfach mögen muss: Der Chorus is catchy as fuck, aber in unseren Lauschern entfaltet sich gleichzeitig ein gut zehnminütiges Epos (ihr seht, ich arbeite das Wortfeld gerade gewissenhaft ab…), das vor Ideen strotzt. Wie auf dem Einstand Mists of Time sind es auch auf dem Nachfolger die Gitarrenleads, die mir Freudentränen in die Augen treiben. DAS IST EPIC METAL! Prog-Fans mögen mir nun erzählen, dass das technisch eher Mittelmaß ist, aber das ist mir komplett egal, da Prog eh sterbenslangweilig ist (außer Fates Warning natürlich) und Vidarr eindrucksvoll demonstriert, worum es in „unserem“ Genre geht: EMOTIONEN! Und die gibt es bei Legendry zuhauf. Wenn ich eine weitere Stärke der Pittsburgher aufzählen müsste, würde ich exemplarisch auf Song Nummer zwei, „Quest for Glory“ (3:48), verweisen: Nach dem einleitenden Longtrack servieren uns die Jungs eine straighte Komposition, die wie das darauffolgende „Rogues in the House“ (3:17) zum Abrocken, Fistraisen, was auch immer ihr mögt, animiert, der Kollege Aidan würde an dieser Stelle vermutlich begeistert das Label „Barbaric Epic Metal“ auf das Slipcase kleben. Dieser Abwechslungsreichtum in puncto Songwriting unterscheidet Legendry von zahlreichen Mitbewerbern im Genre – man höre nur das verspielte „The Conjurer“, ein Wahnsinn, was dort in acht Minuten passiert, mit so vielen Ideen füllen andere Formationen drei Alben.

Alles in allem, ihr habt es längst festgestellt, gibt es bei der vorliegenden Doppel-CD aus meiner Perspektive rein gar nichts zu kritisieren. Mists of Time/Dungeon Crawler bietet zirka 100 Minuten lang echte Liebhabermusik, die sich am besten auf Albumdistanz entfaltet und schon etwas mehr Aufmerksamkeit als 08/15-Plastik-Metal erfordert. Legendry sind demnach ein hervorragender Repräsentant des gegenwärtigen Epic Metal-Undergrounds – und ein weiterer Beweis für die These, dass Nordamerika seit Jahren vor Kreativität brodelt. Es ist vor diesem Hintergrund nicht erstaunlich, dass Mark Shelton persönlich die Truppe im Jahr 2015 mit den Worten „These kids are great“ geadelt hat. Tja, von Epic Metal verstand der Shark halt was – möge er in Frieden ruhen und den Klängen seiner Erben lauschen können.

Fazit: Kaufempfehlung (und 2016 sowie 2017 fraglos unter den Jahreshighlights im Genre)

Weiterer Tipp aus der Redaktion: Haut die Jungs mal auf Instagram an!

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