Review: Coltre – Under the Influence

Oft werden junge Bands dafür kritisiert, keinen eigenen Stil zu kreieren, eine einfache Kopie vergangener Helden zu sein. Aber ist das wirklich so schlimm? Sind nicht viele der Bands, die wir kennen und lieben, von anderen inspiriert worden? Naja, Coltre aus London zählen zu einer der vielen vielversprechenden, jungen Bands aus Britannien, die den alten Geist der NWoBHM wieder aufleben lassen.

Nachdem sich die Gitarristen Daniel Sweed und Marco Stamigna auf einem Midnight-Konzert getroffen hatten, entschieden sie sich im Mai 2019, eine klassische Heavy Metal-Band zu gründen. Sie holten den Bassisten Max Schreck an Bord, fingen direkt an zu proben – auffallend ist: Es ist von keinem Drummer die Rede – und so kam es, dass sie bereits Anfang des Jahres, rechtzeitig zu ihrem ersten Auftritt, ihre EP Under the Influence bereit hatten, welche sie in digitaler Version und auch auf CD eigenständig veröffentlichten. Dying Victims erkannte das Potenzial der Truppe und legte deswegen die EP nochmal neu auf.

Wie bereits erwähnt, erfinden Coltre das Rad nicht neu. Klassischer Metal wie der NWoBHM entstammend trifft auf eine gewisse rockige Lässigkeit à la Thin Lizzy und, höchst aktuell, Wytch Hazel. Im Vordergrund stehen überwiegend die starken Duo-Gitarren, welche mit vielen Soli und einem ganzen Instrumental-Song eine große Bühne geboten bekommen. Sie sind nicht nur sehr melodisch, sondern passen auch gezielt die Stimmung an. So entsteht in manchen Teilen eine mystisch-melancholische Atmosphäre, die im Kontrast zu anderen Bands des Genres aber eher düster ausfällt. Mit ihrem Sound reihen sich Coltre neben viele junge Bands, wie Syth, Eliminator oder Farseer, ein, den engsten Vergleich würde ich aber lieber zu einer Band ziehen, die bereits ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat und sich schon lange in der Szene etabliert hat. Zusätzlich hat jene Band erst letztes Jahr ein wirklich starkes Album veröffentlicht, das der vorliegenden EP soundtechnisch in vielen Belangen ähnelt. Die Rede ist natürlich von Angel Witch und ihrem letzten Album Angel of Light. Dies war die erste Band, an die ich denken musste, was unter anderem daran liegt, dass Marco Stamignas Stimme der von Kevin Heybourne durchaus ähnelt.

Mit „Lambs to the Slaughter“ startet die EP bereits sehr stark. Das melodische Gitarrenintro verbreitet direkt eine mystisch-melancholische Atmosphäre und erinnert dabei schon fast an eines der größten Juwele der „New NWoBHM“, Dark Forest! Auch generell wird das ungefähr siebeneinhalb Minuten lange Lied sehr durch die grandiosen Gitarren geschmückt, wodurch eine gewisse Epik entsteht. Der Chorus, welcher mit den Versen verschwimmt, ist sehr eingängig und wirkt dank des guten Gesangs nochmal packender. Inhaltlich wirkt das Lied sehr sozialkritisch, prangert man doch den blinden Gehorsam vieler in unserer Gesellschaft an. Hier bitte ich aber zu berücksichtigen, dass das Lied bereits erstmalig im Februar diesen Jahres veröffentlicht wurde und man sich deswegen keine Sorgen machen soll, etwas mit Verschwörungstheoretikern, Coronaleugnern oder rechtsextremem Gesindel tun zu haben.

„Crimson Killer“ unterscheidet sich davon ganz drastisch. Hier geht es relativ flott und energiegeladen zur Sache. Und während man im ersten Lied noch aufgrund der verzaubernden Melodien eine leicht epische Note verpackt hat, ist es hier rein klassischer Natur. Die Gitarren rücken hier, bis auf ein starkes Solo, etwas in den Hintergrund und verleihen dem Song eine leicht rockige Note, was unter anderem auch an den Vocals liegt, die sich bei diesem Lied vom restlichen Album ein bisschen absetzen.

Richtig erstklassig wird es mit dem nächsten Song, welcher auf den Namen „Fight“ hört. Das klingt ja schonmal episch. Die Gitarren übernehmen wieder die Kontrolle, leisten eine melodische Glanzleistung ab und setzen den eingängigen und atmosphärischen Chorus perfekt in Szene. Mein erster Gedanke bei diesem Lied waren Wytch Hazel, deren letztes Album III: Pentecost nicht nur ein absolutes Jahreshighlight ist, sondern die auf ihrem genialen Debütalbum bereits einen Song mit dem gleichen Titel wie ihre Landsmänner hatten.

Ein weiteres Highlight ist definitiv das über neun Minuten lange „Plague Doctor“. Auf diesem Song erhalten die Gitarren freien Lauf. Die Verspieltheit der beiden Gitarristen kommt hier am extremsten zur Geltung. So verbindet das Lied doomige, klassische oder auch rockige Elemente mit einer weiten Bandbreite unterschiedlicher Sounds. Durch das ganze Lied zieht sich aber eine konstant epische Atmosphäre, die voller Emotionen und passend zur Endzeitstimmung des Liedinhaltes melancholisch ist, was man auch dem wirklich charismatischen Gesang Stamignas zu verdanken hat. Geile Nummer!

Zum Abschluss hat man mit „On the Edge of the Abyss“ ein circa sechsminütiges Instrumental gewählt; man merkt, die Jungs bekommen einfach nicht genug von ihren Instrumenten. Selbst dieser Track wird nicht langweilig und fügt sich nach dem atmosphärischen Vorgänger wirklich stark ein. Ein erfrischender und abwechslungsreicher Abschluss!

Mit Under the Influence reiht sich das Trio in eine Liste mit unzähligen Namen äußerst talentierter Bands ein und macht dort definitiv auf sich aufmerksam. Auch wenn Bands wie Seven Sisters, Wytch Hazel oder Dark Forest noch die Nase vorn haben, kann man sich durchaus mit ihnen messen und gegebenenfalls mit ihnen gleichziehen, wenn man mal das eine oder andere Album auf diesem Niveau veröffentlicht hat. Mit einer Spielzeit von 33 Minuten, was für eine EP ziemlich lang ist, bekommt man im Jahr der EPs – man siehe Fer De Lance, Meurtrières, Blazon Rite, Seven Sisters, Soulcaster, Midnight Force und Co. – einiges für sein Geld geboten. Die Kaufempfehlung spreche ich deshalb auch ohne zu zögern aus, da Coltre ohne Zweifel zu den Newcomern des Jahres zählen und ein überragendes Erstwerk abgeliefert haben. Wären Coltre 40 Jahre früher dran, dann wäre Under the Influence definitiv ein Klassiker der NWoBHM und dann würde man zwischen Namen wie Diamond Head, Angel Witch oder Saxon auftauchen!

Fazit: Jahreshighlight (es sei denn, man mag keine E-Gitarren)

Release: 21.07.2020

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