Review: Possessed Steel – Aedris

Release: 30.11.2020.

Line-up: Talon Sullivan (Gesang, Gitarre), Steve Mac (Gitarre), Don Bachinski (Bass) und Richard Rizzo (Schlagzeug).

Noch vor ein paar Wochen hatte ich Possessed Steel gar nicht mehr auf dem Zettel. Vor ungefähr zwei Jahren waren das selbstbetitelte Debüt (2014) und dessen Nachfolger Order of the Moon (2017) in meine digitale Sammlung gewandert. Beide EPs gefielen mir gut, insbesondere die zweite, die ein gereiftes Songwriting aufzeigte und ziemlich große Erwartungen weckte. Leider warteten die Epic Metal-Fans danach lange Zeit vergeblich auf den ersten Longplayer – aufstrebende Bands wie Visigoth und Gatekeeper spielten sich mit Alben wie Conqueror’s Oath und East of Sun (beide 2018) in deren Herzen. Possessed Steel waren einstweilen von meinem Radar verschwunden – bis mich mein Kollege Aidan auf deren anstehenden Output Aedris aufmerksam machte, der gerade auf Instagram beworben wurde. Gespannt lauschte ich via Bandcamp den ersten, damals bereits veröffentlichten Tönen… und ich ahnte rasch, dass ich soeben mein Album des Jahres 2020 kennengelernt hatte.

Da mir die – äußerst sympathische – Band die Promo dankenswerterweise schon Anfang Oktober zur Verfügung stellte, konnte ich Aedris bis zum heutigen Tage bereits sehr oft, nahezu exzessiv hören. Es gab Tage, an denen sich Possessed Steel mit Aedris und Megaton Sword mit Blood Hails Steel – Steel Hails Fire die Klinke in die Hand gaben, unterbrochen von unter anderem Eternal Champion mit Ravening Iron – ein Album, das ich inzwischen nach einigen Anlaufschwierigkeiten sehr mag, welches sich den beiden oben genannten Releases jedoch geschlagen geben muss. Auch wenn meine beiden Kollegen Aidan und Tim das mutmaßlich anders sehen. Doch dazu später mehr auf diesem Blog, wenn wir drei ausführlich auf unsere Jahreshighlights zurückblicken.

Das Quartett aus Toronto, gegründet im Jahr 2010, entführt uns im perfekt betitelten Intro „The Dreamer“ in eine ferne, sagenumwobene Welt: Das sanfte Plätschern eines Baches, eine melancholische Klaviermelodie, Vogelgezwitscher, Schrittgeräusche auf einer Wiese oder einem Waldweg – Possessed Steel wissen, wie man Epikerherzen höher schlagen lässt. Entschleunigung ist in dieser chaotischen Zeit ohnehin mehr als willkommen.

Mit „Spellblade“, einem der „Vorabtracks“, zu dem obendrein ein Lyric Video angefertigt worden ist (siehe unten), nimmt Aedris richtig Fahrt auf. Wir stoßen hier auf das erste von vielen fantastischen Gitarrenriffs, die das gesamte Album veredeln. Das Gespann Talon Sullivan (auch für die Vocals verantwortlich) und Steve Mac trifft genau den Ton, der meine Epikerseele streichelt – das schaffen in dieser Form nur Atlantean Kodex, Solstice, Gatekeeper und zuletzt Legendry. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass ich an zahlreichen Stellen heulen könnte, weil die Leads und Soli dermaßen gefühlvoll und leidenschaftlich gespielt sind. Ein zweites Glanzlicht auf Aedris sind die durchgängig originellen Gesangslinien, die sich schon nach wenigen Durchläufen im Hirn und Herzen festsetzen. Talons Stimme ist das Pendant zu den oben beschriebenen Gitarren, weil sie mich im gleichen Maße berührt, oftmals denke ich an Morris Ingram, der auf eine ähnlich verträumt-melancholische, ja mitunter entrückte Art und Weise New Dark Age, der Klassiker für die Ewigkeit aus dem Hause Solstice, eingesungen hat. Allerdings ist der Possessed Steel-Barde noch facettenreicher, da auf Aedris mehrfach auch harscher Gesang zu vernehmen ist – erstmals in „Keeper of the Woods“.

Letztgenannter Track verfügt dank der famosen Twin-Gitarren neben den eingangs genannten Trademarks über einige Iron Maiden-Vibes, die für noch mehr Abwechslung sorgen. Auf der lyrischen Ebene treffen die Jungs den Nagel auf den Kopf: „A silence befalls the woods to announce the king“ – in der Tat, spätestens nach Song drei deutet sich an, dass wir fürwahr die stärkste Platte des Jahres hören. Exemplarisch sei nur auf die beiden folgenden Nummern verwiesen: „Forest of the Dead“ ist ein idyllisches Zwischenspiel, das mit seinen Akustikgitarren ein weiteres Mal die erhabene Atmosphäre von New Dark Age heraufbeschwört. Wie auf dem 1998er-Gottwerk wechseln sich die Stimmungen ab, weil mit „Frost Lich“ der härteste Song der Scheibe folgt, der uns aus unseren Träumereien reißt und nachdrücklich Richtung Schlachtfeld befördert. Die Gitarren sind selbstverständlich weiterhin fantastisch, erinnern mich nun aber bisweilen an extremere Metal-Spielarten, schwedischer Black/Death à la Dissection kommt mir immer wieder in den Sinn.

Während das folgende „Assault on the Twilight Keep“ das hohe Niveau mühelos hält, nicht zuletzt dank eines erneut tollen Refrains und mitreißenden Twin-Gitarren, ist das unspektakulär anmutende „Free at last“ ein wahres Epik-Juwel: Ich betrachte die Nummer als Verneigung vor der Schönheit unserer Natur, vor ihren Schätzen und Geheimnissen. Das Vogelgezwitscher stimmt uns exzellent auf die bewegenden gut drei Minuten ein. Die Akustikgitarren, die abermals die Verspieltheit von Aedris untermauern, lassen mich in Kombination mit dem weltentrückten Gesang an frühe Pink Floyd denken: Nein, nicht an die Syd Barrett-Phase Ende der 1960er Jahre, sondern an Prä-The Dark Side of the Moon-Scheiben wie Meddle (1971) und Obscured by Clouds (1972). Ja, die Gefühle, welche Klampfen und Vocals heraufbeschwören, setzen der ohnehin großen Emotionalität die Krone auf – und killen mich einfach komplett. Wow!

Die erhabenen Epic Metal-Perlen, die uns aus Toronto erreichen, spotten Raum und Zeit. Sie sind für die Ewigkeit geschaffen und werden noch Generationen von Genre-Fans begeistern.

Punkt!

Dabei haben sich Possessed Steel, ihr werdet es angesichts meiner bisherigen Ausführungen kaum glauben können, das Beste sogar bis zum Schluss aufgehoben. Mit „Bogs of Agathon“ und „Skeleton King“ spielen sich die vier Kanadier in den Epic Metal-Olymp. Track Nummer acht beginnt abermals herrlich atmosphärisch: Das Element Wasser spielt wieder eine zentrale Rolle, ehe es nahezu bedrohlich-mystisch wird. Sein Meisterstück liefert in den folgenden Minuten Talon ab: Diese Gesangslinien sind von einem anderen Stern, ein Stern, den bis dato nur Atlantean Kodex und Solstice besucht haben, ein Stern, auf dem zerbrechlich-melancholisch-eskapistische Epik-Hymnen kreiert werden. Das Songwriting ist ebenfalls Weltklasse, die Spannungsbögen nehmen die Hörer gefangen, lassen sie nicht mehr los. Wer hier, allerspätestens hier im Laufe von „Bogs of Agathon“ nicht in die Knie geht und sich ehrfurchtsvoll in den Staub wirft, hat den Epic Metal nie geliebt! Achja, die Gitarren? Na, was wohl? Grandiose Melodien und Soli, aber das hatten wir schon. Das Unglaubliche: „Skeleton King“ ist keinen Deut schlechter – im längsten Track auf Aedris fahren Possessed Steel noch einmal alles auf – der galoppierende Rhythmus, über Iron Maiden sprachen wir bereits, lässt uns zum Schwert – oder zu anderem plumperen Kriegsgerät – greifen: „The shadows tell the walls of the battle in halls and he lifts the hammer high“. Der Schlusstrack „Nobunaga“ ist als Bonus gekennzeichnet, passt jedoch wunderbar zum Rest der Platte. Gut, er erreicht nicht ganz die Güteklasse der beiden vorherigen Nummern, ist aber immer noch ein wahres Epic Heavy Metal-Highlight: Wir hören einmal mehr den im Vorstehenden angeführten harschen Gesang, der hoffentlich ab sofort auf jedem Possessed Steel-Release auftaucht. Wenn dann noch Jake Rogers wieder seine Final Spell-Screams einsetzt, bin ich endgültig im siebten Epic Metal-Himmel…

Nicht unerwähnt bleiben darf darüber hinaus das Artwork, welches den Charakter der Welt, die wir auf Aedris erkunden dürfen, gekonnt einfängt. Das Etikett „Gesamtkunstwerk“ ist hier demzufolge absolut zutreffend. Possessed Steel entpuppen sich anno 2020 als Großmeister in der Kategorie „Schaffung von Atmosphäre“. Die erhabenen Epic Metal-Perlen, die uns aus Toronto erreichen, spotten Raum und Zeit. Sie sind für die Ewigkeit geschaffen und werden noch Generationen von Genre-Fans begeistern. Daran zweifle ich nicht eine Sekunde. Aedris ist meiner Meinung nach das beste Epic Metal-Album seit The Course of Empire (2019) von Atlantean Kodex. Dank seiner außergewöhnlichen Diversität schlägt es in diesem Jahr alle Mitbewerber, die zum Teil richtig starke Platten ins Rennen um den Epik-Thron geschickt haben. Sorry, Megaton Sword, Dexter Ward, Greyhawk, Eternal Champion und Co. – Possessed Steel siegen für mich aufgrund des offenen Visiers: Ich mag das Fragile, das nahezu Erschütternd-Emotionale, das viele Songs auf ein Podest hebt. Talon Sullivan, Steve Mac, Don Bachinski und Richard Rizzo sind Musiker, die den Hörern einen tiefen Blick in ihre Künstlerseele gestatten. Hier ist alles authentisch, voller Leidenschaft und Stolz. Ein Stolz, der sich aus dem Anderssein speist, aus der Ablehnung einer austauschbaren, schnelllebigen Plastik- und Wegwerfgesellschaft, welche die Schätze unseres Planeten nicht hütet, sondern ausbeutet. Eine Gesellschaft, die Spiritualität ablehnt, sich aber gleichzeitig eine sinnentleerte, materialistische Ersatzreligion erschaffen hat, die uns die Luft zum Atmen nimmt. Eine blinde Gesellschaft, die völlig geschichtsvergessen ist und nicht mehr an Edel- und Heldenmut glaubt, die nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann: „Ribbons of steel with vigor and zeal, the fight goes on and on…“ Ich danke Possessed Steel abschließend für ein anbetungswürdiges Album, das ein furchtbares Jahr am Ende noch einmal erhellt hat. Möge Aedris für immer scheinen!

Fazit: künftiger Klassiker

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