Review: Iron Maiden – Nights of the Dead, Legacy of the Beast: Live in Mexico City

Release: 20.11.2020

Schon wieder ein Live-Album aus Ost-London? Ja, und ich sage: Zum Glück! Iron Maiden haben auf der zurückliegenden Legacy of the Beast World Tour nämlich einmal mehr Maßstäbe gesetzt – und zwar allen voran in puncto Epik. Die häufig wechselnden Bühnenbilder und Outfits von Bruce Dickinson unterstrichen den theatralischen Aspekt, der spätestens seit „Phantom of the Opera“ (1980) zur DNA der Eisernen Jungfrauen zählt. Mehr Epic Metal Blog-Kompatibilität ist daher kaum denkbar…

Ich erlebte die oben genannte Tour in Hannover (heiß), Berlin (trübe) und Arnheim (stickig), sodass Nights of the Dead, Legacy of the Beast: Live in Mexico City zahlreiche schöne Erinnerungen weckt. Natürlich kommt in Anbetracht der gegenwärtigen Pandemie auch eine Menge Wehmut auf, da Konzerte mit 20.000 oder 30.000 ausgelassenen Fans derzeit nahezu unvorstellbar sind. Allerdings ist die aktuelle Live-Scheibe in erster Linie ein Wohlfühlpaket, das schon dank seines knallbunten Artworks mexikanisches Feuer verbreitet.

Mittel- und Südamerika sind für Iron Maiden zweifellos ausgezeichnete Aufnahmeorte: Auch wenn die vorliegende Scheibe nicht die Ekstase des Meisterwerkes Rock in Rio (2002), für mich das großartigste Live-Dokument aller Zeiten, ausstrahlt, möchte man sich nur allzu gerne in die erste Reihe beamen, um Eddie & The Boys nass geschwitzt bei der Arbeit zu bewundern.

Die Setlist ist ein Traum für jeden Anhänger der epischen Seite des NWOBHM-Flaggschiffes: „The Clansman“, „Revelations“, „For the Greater Good of God“, „Sign of the Cross“ und „Hallowed be thy Name“ – da sind Gänsehautmomente garantiert, auch wenn man selbstverständlich Göttergaben wie „Seventh Son of a Seventh Son“, „Paschendale“ und insbesondere „Alexander the Great“ schmerzlich vermisst. Aber: Mit ihrer Setlist können es Steve Harris und Co. ohnehin niemals jedem recht machen. Wobei ein paar Variationen während einer mehrjährigen Tour schon wünschenswert wären, Metallica können das schließlich auch.

Dass Iron Maiden weiterhin zu den stärksten Live-Bands auf dem Planeten zählen, muss ich an dieser Stelle niemandem erzählen. Im Fußball würde man von einer geschlossenen Mannschaftsleistung auf Top-Niveau sprechen. Klar, Bruce singt nicht mehr wie vor 20 Jahren, gerade in den Höhen sitzt nicht jeder Ton zu 100%, allerdings ist er auch mit über 60 Jahren der charismatischste und beeindruckendste Frontmann, den man auf einer Konzertbühne erleben kann. Gäbe es zur CD eine DVD oder Blu-ray, wäre auch seine unbändige Energie sichtbar, die mich bei jedem Gig umhaut. Ein Sonderlob verdient auch der unverwüstliche Nicko McBrain, der während des Recordings in der mexikanischen Metropole am 27., 29. und 30. September 2019 bereits stolze 67 Jahre auf dem Buckel hatte und sein Drumkit dennoch nach allen Regeln der metallischen Kunst kraftvoll-virtuos malträtierte.

Klar, Bruce singt nicht mehr wie vor 20 Jahren, gerade in den Höhen sitzt nicht jeder Ton zu 100%, allerdings ist er auch mit über 60 Jahren der charismatischste und beeindruckendste Frontmann, den man auf einer Konzertbühne erleben kann.

So und nicht anders!

Kommen wir zur Masterfrage: Wer braucht Nights of the Dead, Legacy of the Beast: Live in Mexico City denn nun? Selbstverständlich wird jeder Die-hard-Fan sofort zuschlagen. Wer nicht zu dieser Kategorie zählt, sollte sich in erster Linie von der Setlist überzeugen lassen. Iron Maiden spielten im Rahmen der Legacy of the Beast World Tour einige Nummern, die nicht zu den Standards zählen: Man denke zum Beispiel an die Piece of Mind-Tracks „Where Eagles Dare“ und „Flight of Icarus“ oder den Epik-Kracher „For the Greater Good of God“, der auf der lyrischen Ebene zudem wohl eines der klügsten Statements zum Thema „Religion und Krieg“ darstellt. Für mich im Publikum, an allen drei Abenden, das Highlight schlechthin, knapp vor „Sign of the Cross“ (s. kurze Impression im Video unten)! Wie eingangs schon erwähnt, ist Rock in Rio atmosphärisch unschlagbar und auch aus bandhistorischer Perspektive essenziell. Letzteres gilt für den jüngsten Output mutmaßlich nicht, insofern wir es hier coronabedingt nicht mit dem Live-Schwanengesang der Eisernen Jungfrauen zu tun haben. Nights of the Dead, Legacy of the Beast: Live in Mexico City beweist, dass dies ein mittelgroßes (musikalisches) Drama für unsere Szene wäre, weil Steve, Bruce, Dave, Adrian, Janick und Nicko noch stets allabendlich Spitzenleistungen abliefern und Millionen von Menschen auf dem gesamten Globus unvergessliche Stunden schenken, von denen man lange, sehr lange zehren kann. Erst recht in Krisenzeiten. Hoffentlich dürfen wir im Sommer 2021 ein neues Kapitel aufschlagen – meine Tickets für Berlin und Stuttgart liegen bereit, vielleicht kommt noch das eine oder andere Date hinzu…

Up The Irons!

Fazit: Kaufempfehlung

Iron Maiden, Berlin (Waldbühne), 13.06.2018 (gefilmt von Blaze Breeg)

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