Interview: Hammer King

Es gibt Bands, zu denen hat man einfach eine tiefere emotionale Verbindung. In meinem Fall zählt Hammer King aus sehr persönlichen Gründen dazu. Schon allein deshalb liegt es auf der Hand, dass ich mit der Speerspitze des „Royal Metal“ einmal ein längeres Interview für unseren Epic Metal Blog führen wollte. Da die Truppe aus Südwestdeutschland auf ihrer letzten – fantastischen – Scheibe Poseidon will carry us home den Epik-Anteil deutlich in die Höhe geschraubt hat („We Sail Cape Horn“!!!), passt es auch stilistisch perfekt. Rede und Antwort stand mir per Telefon Sänger/Gitarrist Titan Fox V, den manche von euch sicherlich auch von Lord Vigo und – früher – Ross the Boss kennen. Viel Spaß beim Lesen!

Hallo Titan, danke dir für deine Zeit!

Titan Fox V: André, schön dich zu hören. Und gerne, gleichfalls!

Beginnen wir doch gleich mit der wichtigsten Frage, gerade im Moment: Wie geht es dir?

Wenn wir dieses Corona-Thema ausblenden, würde ich sagen, es geht mir fantastisch! Nur das Thema mit dem großen „C“ stellt alles irgendwie infrage. Es ist sehr schwierig einzuschätzen, was wir in diesem Jahr tun dürfen, was wird erlaubt sein. Ansonsten, wie gesagt, ist es fantastisch. Wir haben einen neuen Plattenvertrag, wir haben ein neues Album, das gerade gemixt wird. Alles steht eigentlich voll auf Start. Jetzt muss halt nur noch der Rest irgendwie funktionieren.

Auf einige Punkte, die du gerade genannt hast, kommen wir gleich noch ausführlich zu sprechen. Zunächst einmal, einer meiner Klassiker in Interviews: Was war das letzte Album, das du vor unserem Interview gehört hast?

Oh, das kann ich dir direkt sagen. Das war heute Mittag die Tonspur des Scorpions-Live-Videos zur Crazy World Tour, 1990 oder 1991 in Berlin aufgenommen.

Okay, Crazy World war wohl eine der ersten Musik-Kassetten, die ich mir als Kind selbst gekauft habe. Damit fing es sozusagen an, mit den etwas härteren Tönen… Naja, lange ist es her. Aber, genug off-topic: Ich möchte gerne auf die beiden größten Neuigkeiten aus dem Hause Hammer King zu sprechen kommen, die es in den letzten Monaten gab. Zunächst einmal: Ihr seid nun bei Napalm, einer echten Szenegröße. Was erhofft ihr euch von diesem Schritt?

Das ist tatsächlich sehr interessant. Schon als es 2015 mit Hammer King losging, hatte ich immer dieses Bild im Kopf: Eines Tages möchte ich zu Napalm. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, warum. Klar, die machen dort viel für ihre Bands, das ist ein gutes Label, aber auf dieser Ebene habe ich unterschiedliche Labels gar nicht miteinander verglichen. Das Bild war einfach immer da. Naja, als wir vor einiger Zeit beschlossen, alles noch einmal auf „Null“ zu stellen, haben wir ein Demo mit drei Songs aufgenommen und verteilt. Nachdem wir in den letzten Jahren schon drei Platten aufgenommen hatten, haben uns die Leute diesmal ganz anders behandelt. Ich möchte an dieser Stelle übrigens betonen, dass wir niemals in irgendeiner Form mit Cruz del Sur unglücklich gewesen wären. Das war dort absolut großartig! Letztlich war es so, dass wir zwei Labels in der engeren Auswahl hatten, die uns beide gute Angebote gemacht haben. Dadurch war es echt schwer, sich zu entscheiden. Dann gelangten wir einfach an den Punkt, dass ich schon vorher gesagt hatte, Napalm im Kopf zu haben – und dazu kam es dann am Ende auch.

Mr. Gladius Thundersword (Bass)

Dann zur zweiten wichtigen Neuigkeit 2020: Bei euch gab es den ersten Line-up-Wechsel. Stell‘ unseren Lesern doch mal bitte euren neuen Mann am Bass vor.

Ja, welcome Mr. Gladius Thundersword! Der Mann mit den zwei Schwertern. Das Interessante an Gladius war eigentlich das Folgende: Nach der Trennung von unserem ursprünglichen Bassisten haben wir irgendwann, nachdem sich der Staub so ein bisschen gelegt hatte, auf allen Kanälen eine Anzeige geschaltet. Daraufhin hatten sich so zwölf bis 15 Leute gemeldet, die – geografisch betrachtet – im erreichbaren Bereich waren. Man muss dabei bedenken, dass wir in normalen Zeiten zweimal in der Woche proben. Es bringt daher halt nix, wenn der Bassist zu weit weg ist… Dann hatten wir einen jungen Herrn, Jonas, der war unglaublich nett und ein richtig guter Musiker. Eigentlich ein Gitarrist, aber er spielte Bass wie ein Bassist. Letztendlich spielen die Gitarristen auf dem Bass oft Gitarre… Wir waren uns mit ihm schon total sicher. Nur war es eben so, dass wir nach Rücksprache mit einem Freund doch noch den Gladius einluden. Naja, er kam hierher, fuhr vor mit seinem Porsche Cayenne, das Fenster ging auf und es sprang dich eine Lebensfreude, ein Flair und ein Lifestyle an, der uns denken ließ: „Oh, er ist irgendwie anders.“ Der Mann hat in Amerika gelebt, der hat auch tatsächlich im Rainbow mit Lemmy gesoffen, mit Ozzy und mit Kiss abgehangen und noch viel schlimmere Dinge gemacht… Er ist im Merch-Business, d.h. wenn du bei EMP, C&A oder wo auch immer ein T-Shirt kaufst, das etwas mit Rock zu tun hat, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass unser Gladius seine Finger im Spiel hatte. Er kam also aus einer Ecke, wo wir dachten: „Hey, das bringt uns was.“ Er kann uns nämlich sagen: „Hier arbeitet ihr noch nicht optimal, probiert mal das aus.“ Gladius hat einen anderen Blick auf die Sache. Er hat auch vor vielen Jahren für Metal-Magazine geschrieben – insofern: Er hat einfach sehr viel gemacht. Das war dann der Punkt, an dem wir gesagt haben: „Oh, das ist sehr, sehr schwer.“ Wir waren uns mit Jonas so sicher. Nun haben wir mit Gladius jemanden, der menschlich genauso nett ist – aber er strahlt einfach etwas aus. Und es war dann so, dass wir letztlich gesagt haben: „Mit Jonas haben wir jemanden gefunden, der ist im Prinzip so wie wir. Mit Gladius haben wir hingegen jemanden gefunden, der etwas einbringt, das wir noch gar nicht haben. Daher nehmen wir ihn.“ Das war tatsächlich der Grund. Und es ist fantastisch. Die Freundschaft war sofort da. Das war also eine sehr gute Wahl.

Der Mann hat in Amerika gelebt, der hat auch tatsächlich im Rainbow mit Lemmy gesoffen, mit Ozzy und mit Kiss abgehangen und noch viel schlimmere Dinge gemacht…

Titan Fox V über Mr. Gladius Thundersword.

Man kann also sagen, wir haben es hier wirklich mit einer Zäsur in eurer Bandgeschichte zu tun. Hammer King schlägt ein neues Kapitel auf.

Ja, wenn uns Corona lässt, dann sehr, sehr gerne! Wir haben immer gesagt, wenn es sich irgendwann einmal lohnt, zu investieren, dann machen wir das auch. Demnächst wird es neue Bühnenkostüme geben, die maßgefertigt sind, um ein Beispiel zu nennen. Die gibt es dann auch nur bei uns, die kann man nirgendwo kaufen. Also, auch optisch haben wir noch etwas draufgesetzt. Der Sound vom Album wird auch noch eine Nummer schärfer.

Du hast gerade gesagt, dass ihr als Band ziemlich oft probt. Ihr habt euch also auch im vergangenen Corona-Jahr recht häufig sehen können?

Im Moment ist es gerade sehr schwierig, es ist ja eigentlich alles verboten. Die Länder haben sogar Bandproben explizit untersagt. Aber, letztendlich, was willst du machen? Als der erste Lockdown 2020 kam, waren wir zwei Wochen vor dem Abschluss der Vorproduktion für das Studio. Da konnten wir einfach nicht aufhören, ansonsten hätten wir die Produktion vor die Wand geschossen. Damals hatte jeder von uns unter anderem den Vertrag mit dem Studio im Auto – für den Fall, dass uns jemand anhält und man sagen kann: „Es tut uns leid, das ist vertraglich notwendig und ein Nebengewerbe.“ Das hat uns dann erst einmal noch eine ganze Zeit lang arbeiten lassen. Jetzt im Moment pausieren wir tatsächlich, weil es nicht anders geht.

Dolph A. Macallan (Schlagzeug)

Du hast gerade schon einmal von neuen Bühnenoutfits gesprochen. Kommen wir doch mal auf eure Live-Aktivitäten in der Vergangenheit zu sprechen. Ich habe euch mit dem Debütalbum Kingdom of the Hammer King (2015) kennengelernt und kurz nach dem Release beim Börsencrash Festival in Wuppertal live gesehen. Das muss ja einer eurer ersten Auftritt gewesen sein, oder?

Puh, ich könnte jetzt theoretisch auf dem Computer nachgucken und dir dann sagen, der wievielte das tatsächlich war – aber es muss einer der frühen Gigs gewesen sein. Das ist auch einer der Auftritte, der uns total in Erinnerung geblieben ist. Es war einfach einer dieser Tage, an denen alles stimmte. Die Orga war fantastisch, das Publikum war super, der Sound war großartig.

Das kann ich nur unterschreiben, Hammer King, dazu Wolf, Enforcer, Stormwarrior, Scanner, darauf hätte ich mal wieder Bock. Naja, eure erste Scheibe, die ich gerade genannt habe, gefällt mir gut, aber ich muss sagen, auch wenn es nach einem ganz schlimmen Klischee klingt: Ihr habt euch wirklich von Release zu Release gesteigert. Empfindest du das auch so?

Das ist tricky! Aber erst einmal: Vielen Dank! Ein weiteres Klischee ist ja, dass ein Musiker ganz schlecht etwas über seine eigenen Platten sagen kann. Das ist so, als ob man sagen würde: „Der dritte Sohn ist mir lieber als der erste.“ Das ist also ein bisschen schwierig… Paul Stanley hat mal gesagt: „You give 100% every evening.“ Die Frage ist nur, sind diese 100% 2020 dieselben wie 1988 – wie es ja bei ihm stimmlich ein Thema ist. Klar, wir geben auch bei jedem Album 100%. Im Nachhinein ist es so, dass du als Musiker immer, auf jedem Album, etwas findest, bei dem du sagst: „Wie konnte ich das übersehen? Wie konnte das passieren?“ Selbst wenn es nur Kleinigkeiten sind. Ich würde tatsächlich am ersten Album fast nichts ändern. Man muss bedenken, dass es ein Anfangswerk war, ganz spontan. Das ist für mich völlig stimmig. Das einzige, was damals nicht gepasst hat, ist: Wir haben nicht an eine Vinyl-Fassung gedacht, bei der A- und B-Seite voneinander getrennt werden. Der Opener der B-Seite war dann ein Song, der da nicht hingehörte. Da haben wir nicht aufgepasst, wenn man ehrlich ist. Das war der einzige Fehler auf dem ersten Album. Bei der zweiten Scheibe King is Rising (2016) habe ich auch nur ein Problem: Das ist für mich das klassische zweite Album. Wenn ich zum Beispiel an Killers von Iron Maiden denke… wären das nicht zehn Songs, sondern auch nur acht, wäre es für mich genauso stark wie das Debüt.

Ja, interessant, das sehe ich ganz genauso!

Ja, es ist einfach einen Tacken zu lang. Das geht mir mit der King is Rising auch so. Wenn es da jemals einen Re-Release geben sollte, werde ich dafür sorgen, dass es weniger Songs sind und der Rest eben unter Bonustracks läuft. Das Material wäre also drauf, aber das Album wäre kompakter. Das ist mein einziger Kritikpunkt an diesem Album. Zur Poseidon will carry us home (2018): Die fand ich rund. Der einzige kleine Haken: Es gibt generell Alben, da kannst du alles live spielen, und es gibt halt Alben, da ist es anders. Die Poseidon kannst du von vorne bis hinten hören, aber du kannst nicht jeden Song davon live spielen. Wenn ich zum Beispiel an „7 Days and 7 Kings“ denke: Wenn du den live mit weniger Chor-Stimmen als auf Platte bringst, und auch ohne Akustik-Gitarre, dann klingt der Song auf der Bühne leider nicht so gut. Der Sound ist Teil des Songs. Die erste Platte hingegen kannst du live komplett spielen, die ist richtig knackig. Das ist übrigens der große Punkt, den ich momentan beim vierten Album sehe: Die Zahl der Songs, die man live spielen kann, ist meiner Meinung nach wieder deutlich höher. Darauf freue ich mich persönlich sehr!

Wie entstehen Hammer King-Songs in der Regel? 

Wir haben natürlich eine Sondersituation: „All songs are written by His Majesty The Hammer King!“ Der König schreibt alles – und wir müssen es nur machen. Wer würde diesem König mit dem großen Hammer schon widerstehen? Klar ist: Es gibt nix von extern, es entsteht alles in den eigenen Reihen.

Eure letzte Scheibe Poseidon will carry us home enthält meiner Meinung nach mit dem Schlusstrack „We sail Cape Horn“ eure bis dato stärkste Komposition. Würdest du diesen Song auch als deinen Favoriten auf dieser Platte oder sogar auch als Highlight in der bisherigen Hammer King-Diskografie einstufen?

Danke, ganz ehrlich: Das geht mir genauso. Ich mag den Song total!

Für uns ist der Song natürlich interessant, weil wir uns stark auf Epic Metal fokussieren. Und die Nummer hat ja sehr viele epische Elemente.

Ja, stimmt. Interessant übrigens: Wir hatten drei Songs für die Bassisten ausgewählt, als wir auf der Suche waren. „We sail Cape Horn“ war sozusagen immer der Fleiß-Bonussong, weil er ein bisschen länger ist. Das hat dann dazu geführt, dass wir den Song sehr oft gehört haben, denn jeder, der kam, spielte auch den vor. Dadurch hat er bei uns in der Playlist noch einmal eine deutlich stärkere Position eingenommen. Gladius hat zum Beispiel gesagt: Jetzt mal ganz ernsthaft. Dieses Ding müsst ihr immer live spielen. Im Moment ist er bei uns angedacht wie „Fear of the Dark“ bei Iron Maiden, ungefähr der vorletzte Song vor der Zugabe – so auf dieser Position wird er in der Zukunft vermutlich liegen.

Ich würde mich darüber freuen! Gibst du mir recht, wenn ich sage, dass die Epik auf der letzten Scheibe stärker ausgeprägt ist als auf den ersten beiden Platten?

Ich schätze ja. Was sich bei uns definitiv verstärkt hat, ist der Einsatz von Chor-Elementen. Auf der neuen Platte wird das auch so sein. Wir sind natürlich mit Blind Guardian aufgewachsen, haben das aber gleichzeitig auch als mahnendes Beispiel betrachtet. Egal, wie toll sie das machen: Irgendwann, so aber der fünften oder sechsten Platte, kam für mich als Fan der Punkt, an dem ich gesagt habe: „Ich kann den Weg jetzt nicht mehr mitgehen. Das ist zu viel Bombast – und unter dem Strich zu wenig Songmaterial.“ Man muss also aufpassen, dass es nicht ausartet. Wir verwenden aber grundsätzlich keine Keyboards – wenn man also irgendwo einmal Fläche braucht, setzen wir Chöre ein. Auf der vierten Platte wird es definitiv epische Elemente geben!

Das höre ich sehr gerne! Wie würdest du eigentlich generell den Stil von Hammer King beschreiben?

Wir sagen natürlich notgedrungen, weil alles durch den König entsteht: „Wir sind Royal Metal!“ Aber, wenn ich jetzt in die weltliche Sprache gehe, sage ich: „Das hier ist Heavy Metal – fertig.“ Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es Heavy Metal gab. Okay, es gab auch noch Thrash und Speed Metal – aber vor 1997 gab es für mich den Begriff Power Metal zum Beispiel gar nicht. Es war einfach Heavy Metal, und so sehe ich Hammer King auch. Für mich reicht das definitiv als Einordnung.

Manchmal stuft man euch auch als Power Metal ein.

Ja, damit kann ich auch leben, wobei ich als Musikfan nie gesagt habe: „Ich höre Power Metal.“ Was ist denn eigentlich Power Metal? Für mich war auch Helloween immer Heavy Metal.

Gino Wilde (Gitarre)

Wie stehst du eigentlich selbst zu Epic Metal? Kannst du mit diesem Stil auch was anfangen?

Ich habe vor kaum einem Metal-Stil mehr Respekt als vor Epic Metal. Du hörst es, es ist groß, es ist eben episch und breit, gewaltig. Als ich zum ersten Mal Cirith Ungol live sah, wusste ich nur, dass sie Ultra-Kult sind und wie groß die musikhistorische Bedeutung ihres Auftrittes ist. Aber, ich gebe es zu, alles was ich mir vorher angehört hatte, war mir etwas suspekt. Live haben sie mich aber völlig an die Wand geblasen. Das war unglaublich, das ging direkt an mich ran. Die Band ist halt ungemein eigen, niemand klingt wie Cirith Ungol. Es ist trotzdem so, wenn es um die Epic- und Doom-Ecke geht: Ich liebe die Musik, ich empfinde es als großartig und habe großen Respekt, aber ich höre es extrem selten. Cirith Ungol ist die goldene Ausnahme, aus irgendeinem Grund. Ich habe zum Beispiel mal irgendwann gesagt, dass ich bis zu einem gewissen Punkt in der Bandgeschichte alles von Candlemass besitzen muss. Ich habe mir dann alles zugelegt und ein, zwei Mal gehört, habe es total geliebt – und kann es trotzdem im Alltag kaum anwenden, wenn ich ehrlich bin. Ich stehe unheimlich auf knackige Songs, die auf den Punkt kommen. Das ist einfach meine Luft zum Atmen.

Ich habe vor kaum einem Metal-Stil mehr Respekt als vor Epic Metal. Du hörst es, es ist groß, es ist eben episch und breit, gewaltig.

Gut, dass der Hammer King inzwischen auch solche Sachen schreibt…

Verfolgst du auch ein bisschen die jüngeren Epic Metal-Bands, man denke an Eternal Champion, Gatekeeper und Visigoth? Gibt dir das musikalisch etwas?

Ich finde es extrem beeindruckend, dass es sich hier um eine Generation handelt, die so 100% Metal ist wie die Leute in den 80ern. Ich bin mal im Internet über ein Video vom Superrock 1992, in Mannheim, gestolpert, ich war damals auch dort gewesen. Iron Maiden haben da gespielt, auch Helloween. Da sah das Publikum auch noch so aus wie diese jungen Musiker heute. Zwei, drei Jahre später war das weg. Diese Ur-Generation ist irgendwie verschwunden. Die junge Generation, die du angesprochen hast, bringt all das eben wieder mit. Ich bin zum Beispiel seit eh und je Metal-Fan, das ist schon immer meine Musikrichtung gewesen – aber ich sah nie so aus, als Mitglied der „Generation dazwischen“ sozusagen. Die neue Generation bringt dieses alte Gefühl wieder mit, und das schätze ich total. Das konnte so scheinbar auch nur aus dem Underground kommen. Ein Fragezeichen gibt es allerdings für mich immer noch, bei diesen Bands: Werden sie imstande sein, in einigen Jahren Headliner zu sein, wenn die Alten abgetreten sind? Ich habe oft das Gefühl, dass die Songs sehr speziell sind. Es stellt sich daher die Frage, ob sie auch massentauglich sind. Ich finde zum Beispiel, dass Night Demon eine dieser Bands sind, denen der Spagat ganz gut gelingt, sie sind urwüchsig, aber auch etwas für die breite Masse.

Das ist eine gute Überleitung. Wo siehst du eigentlich Hammer King? Fühlt ihr euch diesem Underground verbunden oder seid ihr ihm bereits entwachsen?

Ganz ehrlich, das ist ein interessanter Punkt. Wir waren bei Cruz del Sur, ich liebe den Enrico, das ist ein unglaublich toller Mensch, das ist wahrscheinlich der ehrlichste und integerste Typ im Business. Er ist echt ein Freund. Er hat auch gesagt: Wenn ihr irgendwo hingehen könnt, wo ihr größer werden könnt, macht das. Das war mit ihm alles sensationell. Wir hatten aber immer das Gefühl, dass Cruz del Sur ein Label ist, bei dem wir nicht 100% hinpassen. Enricos Kundschaft hat uns zum Großteil gemocht, aber auch nicht alle – wir sind eben keine Band wie Visigoth oder wie diejenigen, die er ansonsten auf seinem Label hat. Aber gut, kommerziell ist in der Metal-Szene ja ein kritisches Wort – wobei ich als alter Maiden-Fan auch sage, dass die kommerziell sind, oder nicht? Wer Stadien voll macht, ist automatisch kommerziell. Ich persönlich habe das Gefühl, dass wir eine Band sind, die Wert darauf legt, dass es musikalisch stimmig ist. Wir machen nichts, weil es aus kommerzieller Sicht einfach gut funktioniert. Es geht 100% um die Musik und wir sind nicht absichtlich kommerziell. Was wir spielen, sind einfach wir. Aber ich bin der Meinung, dass es durchaus kommerziell und massenkompatibel ist. Auch deshalb passte Napalm gut zu uns, da sind auch fast alle anderen Bands, die in diese Richtung gehen. Das macht einfach Sinn für uns.

Ich finde es extrem beeindruckend, dass es sich hier um eine Generation handelt, die so 100% Metal ist wie die Leute in den 80ern.

Titan Fox V über den Metal-Nachwuchs à la Visigoth und Co.

Kommen wir zu dir: Würdest du dich als singenden Gitarristen oder als Gitarre-spielenden Sänger bezeichnen?

Oje, damit habe ich nicht gerechnet! (lacht) Das ist tricky, ich habe keine Ahnung… Als Gladius in die Band kam und Jonas, der ja auch Gitarrist ist, ebenfalls noch da war, haben wir einen Moment lang gedacht, vielleicht beide zu nehmen, weil wir beide eben mögen: Jonas als Gitarrist, ich nur noch als Sänger. Wir haben alle kurz darüber nachgedacht. Charles Greywolf, in dessen Studio wir immer arbeiten, sagte gleich: „Mache es nicht! Du bist nicht nur Sänger.“ Wobei, bei Ross the Boss war ich nur Sänger, ich habe mich da auch wohl gefühlt. Aber Charles sagte: „Ich sehe dich eher als so was wie Paul Stanley, der steht auch nicht ohne Gitarre da. Das gehört zum Bild dazu.“ Wenn ich ehrlich bin, mag ich die Viererkonstellation auch. Das ist persönlich sehr angenehm, du hast nicht zu viele Leute, zudem ist es auf der Bühne sehr ausbalanciert, einer steht links, einer in der Mitte, einer rechts, dahinter das Schlagzeug. Naja, ich bin halt irgendwie beides, das lässt sich überhaupt nicht trennen. Wenn ich Gitarre spiele und singe, denke ich meist daran, welcher Song als nächstes kommt, welchen Schalter ich drücke oder wie ich mich hinstelle. Es passiert also beides gleichzeitig, das Gitarrespielen und Singen. Ich fühle mich ohne Gitarre in der Probe-Situation sehr unwohl. Mit der Gitarre kannst du dirigieren, wenn man arrangiert und wir Übergänge proben – dafür brauchst du einfach ein Instrument. Sagen wir es mal so: Wenn ich einen Unfall habe, können wir einen Gitarristen holen, wenn ich die Stimme verliere, wird die Band komplett anders klingen. Insofern muss ich sagen, ich bin dann wohl Sänger, der auch Gitarre spielt. Also: 52%:48%.

Wann hast du eigentlich mit dem Gitarrespielen begonnen? 

Puh, ich sage mal grob so 1990. Ich bin mir nicht sicher, aber recht früh.

Welche Gitarristen haben dich am meisten inspiriert?

Mein erster massiver Einfluss war Steve Stevens, der für Billy Idol spielt. Auch wenn von seinem Spiel bei mir mittlerweile nicht mehr viel übrig ist. Wer mich ziemlich beeinflusst hat, ist Steve Clark, der verstorbene Def Leppard-Gitarrist. Steve konnte eine Sache: Alles, was er gemacht hat, war gut und interessant. Er war nie der beste Gitarrist in der Band, aber er war derjenige, der die guten Sachen gemacht hat. Das ist für mich ein Punkt: Schreibe ein Riff, das jeder pfeifen kann. Spiele eine Melodie oder ein Solo, das du singen kannst – das ist für mich elementar. Das war also ein großer Einfluss, dazu Wishbone Ash wegen der Twin Lead-Geschichte. Einfach zu sehen, was du mit zwei Gitarren machen kannst, nämlich etwas, das so voll ist. Dazu muss ich noch Randy Rhoads nennen, klar.

Die Frage ist vermutlich nicht leicht zu beantworten, aber ich versuche es trotzdem: Hast du ein Lieblingssolo? Ein Gitarrensolo bei dem du dir denkst: Das ist einfach perfekt in jeder Hinsicht.

Das ist schwierig. Aus dem Mainstream-Bereich „Hotel California“. Ich bin überhaupt kein Eagles-Fan, aber wenn es um Gitarrensoli geht, ist das schon pfiffig. Wenn man ehrlich ist, wartet man während des ganzen Songs darauf, dass das Solo kommt. Oder „Sultans of Swing“ von den Dire Straits – das ist bestialisch!

Ja, Mark Knopfler ist auch einer meiner liebsten Gitarristen. Ich bin sozusagen mit ihm aufgewachsen.

Und, wo wir gerade kurz bei Randy Rhoads waren, das Schluss-Solo von „Mr. Crowley“, das ist der Höhepunkt vom ganzen Song, das ist unglaublich stark. Zudem der komplette Mittelpart von Def Leppards „Die Hard the Hunter“ von der Pyromania, den finde ich extrem gut. Und, ganz abwegig, Steve Hackett von Genesis, „Firth of Fifth“ von der Selling England by the Pound – das ist ultra-melodisch, ein ganz langer Part. Das ist eigentlich das Highlight vom Song, solche Parts finde ich richtig gut.

Was ist heute dein bevorzugtes Gitarrenmodell?

Gibson Flying V, keine Frage. Mein absoluter Wunsch war es, mir irgendwann diese Cherry Red Flying V zuzulegen. Die war damals in der Produktion und gar nicht leicht zu bekommen. Zwei Leute in Deutschland hatten die – meine kam, glaube ich, aus Nürnberg. Das kam nicht vom Fließband, sondern wurde von einem richtigen Gitarrenbauer in den USA zusammengesetzt. Das war so der Tag meines Lebens, auf den ich sehr lange gewartet habe. Dieses Instrument begleitet mich jetzt wirklich überall hin. Man sieht es ihr auch an, sie ist benutzt. Aber das ist mein Instrument.

Im letzten Jahr gab es viele starke Releases, darunter natürlich auch Lord Vigo mit Danse de Noir (Titan spielt auf dieser Platte Gitarre und Bass, Anm. BB). Welche Platten haben dich 2020 am meisten begeistert?

Boah, das ist eine superschwierige Frage. Da fällt mir spontan Cirith Ungol Forever Black ein, keine Frage, das ist ein Highlight. Für mich auch noch die Coat of Arms von Wishbone Ash.

Bist du eigentlich ein begeisterter Vinyl-Sammer?

Ich bin mit CDs aufgewachsen. Den Vinyl-Hang habe ich am Anfang als etwas romantisch überhöht wahrgenommen. Vor ein paar Jahren aber brachten Wishbone Ash, schon wieder dieser Name, ein Album namens Live at Metropolis raus. Da haben sie sechs Songs gespielt, direkt auf Vinyl-Master, der Abstand zwischen den Songs ist genauso wie auf der Platte im Studio, drei auf der A- und drei auf der B-Seite. Stark limitiert, ich habe sie gekauft. Mein Vater hat eine extrem gute Anlage – ich habe sie da aufgelegt, und die Sonne ging auf: Diese Tiefe, diese Wärme von der Platte, das war sensationell. Da ich zu dem Zeitpunkt keinen Plattenspieler hatte, habe ich mir vom Schlagzeuger von Wishbone Ash die Spuren geben lassen, digital. Ich habe sie dann gehört und sofort gedacht: „Oh, das ist es nicht!“ Das war ein himmelweiter Unterschied. Im Moment stelle ich tatsächlich so Stück für Stück auf Vinyl um. Das Limit ist aber nicht erreicht, die Anlage, die ich besitze, ist definitiv unwürdig, was Vinyl angeht. Aber es ist ein Anfang! Ich muss ehrlich sagen: Vinyl, alles, was man darüber sagt, stimmt eben doch. Und wenn man ganz ehrlich ist: Die Tatsache, dass du aufpassen und die Platte rumdrehen musst, dass du Arbeit damit hast, macht die Sache besser. Du hast einfach mehr Bezug dazu. Für mich ist es bei Hammer King wichtig, dass die Platten immer auch auf Vinyl erhältlich sind.

Wie stehst du eigentlich zu dem kleinen Tape-Boom, den es aktuell gibt?

Ich habe jetzt gerade aktuell das Orange Album von Cirith Ungol auf Tape gekauft. Es ist natürlich eine Sensation, das Album zu besitzen. Aber, ich gebe es zu, da wäre eine CD nicht schlecht gewesen. Aber trotzdem, ich finde es toll, dass es wieder Tapes gibt. Persönlich bin ich aber nie ein Tape-Fan gewesen. Das hält einfach nicht lange.

Es wird dann also auch das nächste Hammer King-Album wahrscheinlich nicht auf Tape geben?

Nicht, dass ich wüsste, wenn ich ehrlich bin. Für mein Empfinden ist das Tape einfach historisch verklärt, weil es an die guten Zeiten erinnert, als die gute Musik raus kam, die uns damals alle geprägt hat. Es ist schwer, so etwas Hartes zu sagen, aber wenn ich ehrlich bin: Tape – nein, die Qualität stimmt für mich einfach nicht. Man denke an den Klang, an die Langlebigkeit. Insofern: Ich kaufe ein Tape und schaue dann, dass ich es digital habe, damit es hält.

Letzte Frage: Auf welchem Festival möchtest du mit Hammer King unbedingt einmal spielen?

Angesichts der aktuellen Situation sage ich, dass ich auf jedem Festival gerne spielen würde – Hauptsache, wir können überhaupt irgendwo auftreten. Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass ich nur nach Wacken gehe, wenn ich dort auch Sachen spiele. Als Fan ist Wacken für mich zu groß. Mein Haus-und-Hof-Festival war immer Bang Your Head! in Balingen. 22 Bands an zwei Tagen – und ich habe wirklich alle 22 geguckt, auch wenn es manchmal nur zwei, drei Songs waren. Aber es war toll, man hat auch jede Band geschätzt, die dort war, du hast etwas über die Szene gelernt. Irgendwann kamen dann die Zwei-Bühnen-, Drei-Bühnen- und Zelt-Festivals. Das hat mich als Fan dann ein Stück weit rausgenommen. Daher sage ich: Natürlich wünsche ich mir, auf Wacken zu spielen. Was ich mir definitiv für Hammer King wünsche, ist Bang Your Head!, das ist für mich eben ein Festival, das mir am Herzen liegt. Zudem liebe ich das Rock Hard Festival, keine Frage. Was uns extrem interessieren würde, eigentlich passend zu unserer dritten Platte, wäre es, auf einem Schiff zu spielen. Ich mag das Meer einfach an sich sehr gerne, das wäre für uns natürlich total gut. Aber letztlich, nach oben hin gibt es immer interessante Ideen, Graspop zum Beispiel ist auch klasse. Nur, wie du vorhin sagtest, das Börsencrash war ein kleines Festival, aber es war einfach sensationell – insofern kann man diesbezüglich immer wieder Überraschungen erleben! Es gibt überall gute Festivals, ich mag Festivals total gerne.

Mal sehen, wo wir uns in der Zukunft sehen… Titan, ich bin durch. Das waren all meine Fragen.

Schön, das hat Spaß gemacht!

Ja, hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf euer viertes Album.

Ich bin definitiv sehr gespannt, was du sagst. Ich freue mich auch sehr auf den Release. Wir wünschen uns alle, dass die Welt bis dahin wieder ein bisschen normaler tickt. Unser Metal muss einfach live sein. Das fehlt im Moment schon extrem. Ich ertappe mich mittlerweile sogar dabei, wenn ich Live-Mitschnitte sehe, dass ich zusammenzucke, weil da Menschen nahe beieinander stehen. Ich wünsche mir von Herzen, dass das alles zurückkommt.

Ja, versuchen wir mal optimistisch zu bleiben. Hoffen wir, dass unsere großartige Club- und Festival-Szene in Deutschland, und darüber hinaus, erhalten bleibt.

Ich sage dir ganz ehrlich: An den Fans wird es bestimmt nicht liegen. Das ist der Luxus in unserer Szene, die Heavy Metal-Fans sind da. Das ist ein großer Vorteil, da haben wir echt keine Angst. Ich hoffe nur, dass die Clubs noch da sind, das ist natürlich ganz prekär. Ich schließe mich aber einfach deinen Worten an, versuchen wir, optimistisch zu bleiben!

Zur Not muss es der Hammer King regeln…

2 Kommentare zu „Interview: Hammer King

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