Interview: Jutta Weinhold (Velvet Viper) (Deutsche Version)

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Ansgar Burke: Hallo Jutta, vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um ein paar Fragen zu beantworten! Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch, ein neues Album steht in den Startlöchern und soll im Frühjahr erscheinen. Wie habt ihr im Corona-Jahr es geschafft, motiviert zu bleiben und sowohl künstlerisch als auch logistisch eine Album-Produktion trotz aller Widrigkeiten durchzuziehen? 

Jutta Weinhold: Es ist, glaube ich, das Wichtigste, weiter zu machen, Ansgar. Ich bin schon so lange dabei, hauptberuflich seit 1969, und hatte gute und schlechte Zeiten. Dieser Beruf kennt keine Sicherheit und es gibt nur eines: take it or leave it. Das finanzielle Risiko ist allgegenwärtig und das muss man wissen und akzeptieren. Ein Album kann erfolgreich sein oder auch nicht. Corona war ja für alle schlichtweg der Hammer und man findet eigentlich nicht die richtigen Worte. Im ersten Quartal konnten wir ja noch 5 Gigs spielen. Das letzte Konzert war am 6.3.20 beim Fullmetal und es war richtig gut. Die Band war in Bestform und es war einfach nur geil.

Danach blieben wir zu Hause, haben alle Regeln befolgt. Ich habe mit Holger Songs komponiert per Mp3 und Mails usw. Manchmal haben wir auch in unserem Studio zu zweit geübt, mit Abstand und allem, was dazu gehört. Wir waren kreativ und haben somit die Zeit gut überstanden. Ab Juni haben wir dann mit der ganzen Band im großen Studio aufgenommen.

Nach 2018 (Respice Finem) und 2019 (The Pale Man Is Holding a Broken Heart) geht es nun also 2021 schon weiter. Was inspiriert dich heute? Gibt es noch Themen oder Geschichten, die du gerne mal angehen würdest (oder es vielleicht auf dem kommenden Album tust) oder die du immer wieder gerne aufgreifst als lyrische Inspiration?

1985 hatte ich die Idee zu Zed Yago. Ich wollte raus aus den üblichen Rock ‘n‘ Roll Fließband-Texten und so entstand das Konzept von der Tochter des Fliegenden Holländers. Ich wollte immer andere Inhalte für unsere Musik. Sie sollte schwer und hart sein mit Inspirationen zur Poesie, Literatur, Sagen, Legenden, Mythologien und last but not least Phantasie. Das füllt mich aus, das gefällt mir, das lese ich auch privat und das tut mir gut. Der Brunnen der Phantasie ist ja unendlich und wenn man eimal reingeschaut hat kann man nicht mehr aufhören, es gibt kein Ende… und so geht mir auch der Stoff für die Texte nie aus.

Womit wir beim Thema unseres Blogs wären: Epic Metal. Im Sinne von klassischem, gerne auch mal doomig-schleppendem Metal mit „epischen“ Themen. Sword & Sorcery von Conan dem Barbaren bis König Artus oder den Nibelungen. Besonders die letzten beiden sind bei dir ja öfters vorgekommen und bieten in Songs wie „Merlin“, „Parsifal“ oder „King Arthur“ wie auch „Valkyries“ oder „Lohengrin“ perfekten Stoff für packenden Heavy Metal. Wie siehst du den Begriff „Epic Metal“ bzw. das Zusammenspiel solch klassischer, martialischer, aber auch kulturell unheimlich wichtiger Literatur und Sagen mit harten Gitarren und Headbangen?

Gewaltige Musik braucht gewaltige Worte und die findet man in der Literatur, in den Mythen usw. „Macbeth“, „Metamorphosis“ (Franz Kafkas Verwandlung), „The Raven“ (A.E. Poe), „Maria Stuart“ (Schiller), „Stella“ (Goethe),  um nur mal ein paar Songs aus der Literatur zu nennen. Dann gibt es die musikalische Klassik-Szene, Wagner… Die Sagen: Nibelungen, König Artus, und die griechische, ägyptische Mythologie mit Ideen ohne Ende. Das Letztere ist übrigens auch auf der neuen Velvet Viper, Cosmic Healer.

Ich weiß, dass sich die Leute heute sehr selten mit den Texten befassen. Das finde ich ausgesprochen schade, ich gebe mir sehr viel Mühe mit den Lyrics, und singe nicht nur einen Ton, der Ton hat ein Wort und das Wort ist die Botschaft. Früher, wenn ich mir eine LP gekauft habe, dann lag da auch gleich ein Dictionary, mit dem ich mir dann die Worte übersetzt habe, die mir fremd waren. Aber das macht heute kaum jemand mehr. Ich liebe es Geschichten zu erzählen aus den o.g. Bereichen. Du kannst dir vorstellen, dass dann die Songs nicht unter 15 Minuten zu schaffen wären. Da greift dann Holger Marx, mit dem ich zusammenarbeite, ein und wir kürzen. Er ist sehr gut in dem Kriterium, sodass die Geschichte nicht verloren geht (lacht). Mir tut jedes Wort weh, was gestrichen werden muss, aber letzten Endes geht es um Musik und die verlangt einen Rhythmus.

Denkst du solche Themen und ein solches Pathos ließe sich in irgendwelchen anderen Genres umsetzen oder ist es dem Heavy Metal eigen?

Ich wusste damals, 1984/85, dass nur Metal solche Themen aufnehmen kann. Es würde nie in die Popmusik oder sonstwohin passen. Metal ist schon prädestiniert dafür und das ist gut so. Ich will keine Musik machen mit der Haltbarkeitsdauer einer Quarkspeise… deswegen waren wir und sind wir manchmal ein bisschen anstrengend und der Hörer muss sich schon darauf einlassen, sonst kann es ihn nicht berühren.

Behältst du aktuelle Entwicklungen in der Metalszene im Blick? Z.B. im klassischen Metal ist in den letzten Jahren ja viel Vielversprechendes rausgekommen.

Holger kennt die Bands aus seiner Generation. Von ihm bekomme ich die Tipps, was alles so läuft heutzutage. Die alten Bands kenne ich natürlich. Von den neuen finde ich ein paar ganz gut. Manchmal werde ich von jungen Musikern gefragt, worauf zu achten ist: Wichtig ist, meiner Meinung nach, Musik zu machen, die der eigenen Mentalität entspricht, nur dann bist du ein Original und darum geht’s. Die Welt braucht mehr Originale und keine Kopien.

Die Welt braucht mehr Originale und keine Kopien.

Jutta Weinhold (ohne Frage ein Original)

Apropros neue Bands. Hier auf dem Epic Metal Blog stellen wir jede Menge aufregende neue Bands aus dem „Epic“-Bereich vor, die mit von 80er-Metal inspirierter Musik zumindest eine kleine, aber treue Fanschar begeistern. Wie siehst du die Voraussetzungen für die Metalszene heute (von Corona-bedingten Gig-Ausfällen und ähnlichem mal abgesehen) verglichen mit den letzten Dekaden, oder vor allem als du in den 90ern mit Velvet Viper die Fahne des klassischen Metals hochgehalten hast, während viele andere Bands aus den 80ern so ihre Probleme hatten?

Die beiden Velvet Viper-CDs und die letzte 1993 zu meinem Zed Yago-Konzept To be or not kamen leider zur unrechten Zeit. Ab 1991 war eine total andere Art von heavy Musik aktuell und so sind meine Alben auch ziemlich untergegangen. Lieber Ansgar, man kann die Zeiten gar nicht vergleichen. In den 80gern gab es noch Plattenfirmen, man bekam Unterstützung, einen Künstlervertrag, die Firmen haben sich gekümmert. Vor allen Dingen auch den finanziellen Bereich für Promo-Marketing etc. übernommen. Bei Zed Yago bekamen wir  einen monatlichen Abschlag auf unsere zu erwartenden Tantiemen. Es ist schade, dass die Band nur 4 Jahre gehalten hat. Aber wenn das Ego und andere Befindlichkeiten zu groß werden, dann geht’s halt nicht mehr. Ich sage immer: Man kann locker eine Band gründen, aber es ist meist unmöglich, sie über einen langen Zeitraum zu halten. Bei Zed Yago hatten wir eine GBR und ich kein privates Copyright für den Namen, also ging alles verloren. Der Name blieb bei der Mehrheit, aber sie hatten nur den Namen und nicht die Seele. Mit Velvet Viper ging es dann weiter, denn ich hatte schon damals viele Themen über die ich singen wollte. Zu den jungen Bands heutzutage: Ich finde es absolut traurig, dass sie keine Möglichkeit haben, von ihrer Kreativität zu leben. Die meisten müssen einen zweiten Beruf ausüben, der ihren Kühlschrank füllt. Somit rutscht die Musik automatisch an die zweite oder sogar dritte Stelle und das ist ein großer Verlust für die Gesellschaft. Aber auf mich hört ja niemand (lacht). Die Zeiten sind einfach auch ohne Corona Scheiße für junge Bands.


Worauf freust du dich am meisten, wenn Konzerte wieder möglich sind und ihr mit eurem neuen Album wieder auf Tour gehen könnt?

Natürlich auf die Konzerte. Am 23.4. wird Cosmic Healer veröffentlicht. Wir haben auch Verträge für den 21.4. und 22.4., aber es ist natürlich unklar, ob sie stattfinden können. Nichts Genaues weiß man. Ich glaube, die Gig-freie Zeit wird noch eine Weile andauern. Meine Hoffnung sind die Clubs, in denen man den Regeln entsprechend spielen könnte, mit Abstand und reduziertem Publikum, alles ist besser als NICHTS. Eine Band muss vor Publikum spielen, Proberäume sind kein Ersatz. Für mich persönlich ist ein Auftritt immer ein Erlebnis. Wenn ich merke, dass die Leute dabei sind und der Spirit fließt, dann fällt Jutta in einen Jungbrunnen und in dem bleibt sie dann eine ganze Weile. Unbezahlbare Momente.

Wenn ich merke, dass die Leute dabei sind und der Spirit fließt, dann fällt Jutta in einen Jungbrunnen und in dem bleibt sie dann eine ganze Weile. Unbezahlbare Momente.

Jutta Weinhold über die Bedeutung von Live-Gigs.

Zu dem neuen Album. Wir finden, es ist das beste Velvet Viper in diesem Jahrtausend. Es dauert eine Weile, bis eine Band den gemeinsamen Spirit hat. Das entsteht nicht von heute auf morgen. Diesen Stand haben wir jetzt erreicht. Das Album ist auch zusammen, im Jangland Studio bei Lars Oppermann, eingespielt worden. Micha Fromm an den Drums, Johannes Horas Möllers am Bass. Holger Marx hat produziert und Ralf Basten, der die Zed Yago-CDs produzierte, hat gemischt. Heavy, hard, episch und, man glaubt es kaum, schnell. Darüber hinaus haben Holger und ich ein akustisches Konzept erarbeitet. Acoustic Pilgrimage. Damit wollen wir im kleinen Rahmen auf die Bühne. Wir sondieren zur Zeit unsere Songs, um zu gucken, was man akustisch spielen kann. Das ist auch eine kreative Beschäftigung, damit wir nicht einrosten.

Vielen Dank für das Gespräch und hoffentlich sieht man sich bald „on the road“!

Ja, Ansgar, das hoffe ich auch. Wir müssen geduldig sein, die Regeln einhalten und daran glauben, dass es irgendwann weiter geht.  Einen fetten Gruß an Dich und eure Leser.

Das Interview führte Ansgar Burke (Midnight Force).


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