Review: Night Prowler – No Escape

Release: 2021/02/26

Mit Night Prowler aus São Paulo präsentieren uns Dying Victims Productions einmal mehr eine in unseren Breitengraden bis dato weitgehend unbekannte Band, die zweifellos über das Potenzial verfügt, in Teilen des Undergrounds zumindest kleinere Begeisterungsstürme auszulösen. Bei No Escape handelt es sich um das Debütalbum der Südamerikaner, das schon im August 2018 beim feinen brasilianischen Label Kill Again Records in einer schmalen 500er-Auflage auf CD erschienen ist. Nun können sich Fans das Ganze auch auf Vinyl anschaffen, um gefühlt noch tiefer in die 80er Jahre abzutauchen.

Es dürfte schon angesichts des Artworks niemanden erstaunen, dass Night Prowler das goldene Jahrzehnt des klassischen Metals hochleben lassen. Wer Innovationen erwartet und keine weitere „Retro“-Truppe braucht, darf an dieser Stelle das Lesen einstellen und Deathspell Omega hören. Aber wer möchte das schon, wenn man auch einfach mal gut 40 Minuten richtig Spaß haben kann? Eben!

Laut Promo-Zettel ist die Band seit ihrer Gründung im Jahr 2017 unter anderem von „Saxon, Dokken, Iron Maiden, Running Wild und Demon“ beeinflusst. Das trifft den Nagel durchaus auf den Kopf: No Escape ist nämlich geprägt von hochmelodischen Twin-Gitarren, zahllosen Hooks und genretypischen Vocals, die zur ganz großen Pose einladen. Allerdings ist es meiner Meinung nach angebracht, Dokken beim oben angeführten Quintett ganz fett zu unterstreichen: Der Glam-Faktor ist recht stark ausgeprägt, der Sunset Strip lässt ebenso grüßen wie England oder Hamburg. Auch Ausflüge in AOR-Gefilde sind nicht zuletzt in puncto Gesangslinien zu verzeichnen, man lausche nur „Burning Desire“ – mit etwas weniger Gitarrengewalt ein Radiohit deluxe! Für manchen Traditionsmetaller dürfte die vorliegende Scheibe demnach etwas zu melodisch ausgefallen sein, auch wenn eine gesunde Grundhärte zum alterhergebrachten Headbanging einlädt. Der Titelsong ist zum Beispiel eine echte Granate mit Punch, die schon allein wegen des druckvollen Drummings überhaupt keine Gefangenen macht. Ekelhaft süßlich wird es auf No Escape auf jeden Fall zu keiner Sekunde!

Wenn ich die größte Stärke der Jungs aus der bevölkerungsreichsten Stadt Brasiliens benennen müsste, würde ich sofort auf die unterhaltsame Gitarrenarbeit von Bandgründer Luke D. Couto und Igor Senna verweisen. Auch hier gilt: Proggern wird es in technischer und kreativer Hinsicht definitiv zu dünn sein, ich kann mich zum Beispiel an der Saitenarbeit in der Bandhymne „Night Prowler“ gar nicht satt hören. Ärgerlich im Übrigen, dass gerade dieser tolle Song mit einem unfassbar öden Fadeout endet, der bei mir stets zu einem Punktabzug in der B-Note führt. Ist euch da echt nix Besseres eingefallen?

Ansonsten macht die Band aber weitaus mehr richtig als „falsch“. Gibt es nach diesem prima Debüt Steigerungspotenzial? Mit Sicherheit! Ich denke, die acht Songs – die beiden Instrumentals „Runner 97T“ und „The Witches Curse“ lasse ich mal außen vor – unterschreiten niemals ein bestimmtes, ziemlich hohes Qualitätslevel, das viele Künstler niemals in ihrer Karriere erreichen. Aber (auch) Night Prowler sind eine der zahlreichen jungen Truppen, denen es nicht gelingt, uns eine klassische (Melodic) Metal-Hymne zu kredenzen, die es aus dem Stand mit den zahllosen Monster-Hits der oben genannten Referenzbands aufnehmen kann. Offen gestanden höre ich auf No Escape keinen Track, über den man meines Erachtens noch in 20, 30 Jahren voller Hochachtung sprechen wird. Der Rausschmeißer, der Hook-Gigant „Stranger“ mit seinen abermals grandiosen Twin-Leads, beinhaltet zum Beispiel alle Zutaten, die man benötigt, um Millionen von Herzen im Sturm erobern zu können. Jedoch denkt man nicht selten: Wo habe ich das eigentlich schon einmal gehört? Eventuell ist es aber einfach notwendig, den Kompositionen noch etwas Zeit zum Wachsen zu geben – und sich von den ständigen Vergleichen zu lösen.

Unabhängig davon setzen Night Prowler im noch jungen Jahr das erste Ausrufezeichen im Bereich des melodischen Metals. Ich bin mir zu 100% sicher, dass die Brasilianer einen Club ordentlich zum Kochen bringen können. Und wenn man dann schweißnass vor der Bühne herumhüpft, sind meine Gedankengänge aus dem obigen Absatz auch komplett uninteressanter Quark aus dem Elfenbeinturm. Doch, das No Escape-Material möchte ich gerne einmal live und in Farbe erleben! Daher: Eine Kaufempfehlung für Genre-Fans und alle anderen, die sich nach einer hohen Dosis gute Laune sehnen…

Night Prowler from São Paulo present to us their debut album No Escape which is highly recommended to everybody who goes for melodic, catchy heavy metal tunes. This is first and foremost a – well-crafted – fun record, no doubt about it. Especially the guitar work is extremely entertaining – and in my opinion the greatest strength of these five Brazilians. Even if Night Prowler don’t come up with a monster hit that is able to keep up with legendary classics, they definitely have the potential to gain a lot of fans within their genre.

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