Review: Lunar Shadow – Wish to Leave

Release: 2021/03/19

Wenn man mich nach den gegenwärtig interessantesten und talentiertesten deutschen Metal-Bands fragt, gehört Lunar Shadow zweifellos zu meinen ersten fünf Nennungen. Das Quintett verfügt über eine makellose Diskografie: Die Debüt-EP Triumphator (2015), die mit kernigen Nummern wie „Metalian“ vorwiegend recht geradlinigen Heavy Metal anbot, war bereits ein vielversprechender Beginn. Knapp zwei Jahre später stellten die Musiker um Mastermind Max „Savage“ Birbaum ihren Premieren-Release jedoch ganz klar in den Schatten: Ihr erster Longplayer Far From Light (2017) punktete nicht nur mit einem atemberaubend schönen, tolkienesken Cover-Artwork, sondern mit fantastischen, verträumt-melancholischen Epik-Perlen wie „Hadrian carrying stones“ oder „The Kraken“, die qualitativ nicht sonderlich weit vom eigentlich unerreichbaren Atlantean Kodex-Niveau entfernt waren. Einziger Minuspunkt in den Augen zahlreicher Fans/Kritiker: Der Sound, allen voran in Bezug auf das Drumming. Ich muss zugeben, dass ich wohl zu den wenigen Menschen gehöre, die sich daran nie wirklich gestört haben. Meines Erachtens trug das Klangbild sogar zur bandtypischen weltentrückten Atmosphäre bei. Der Nachfolger The Smokeless Fires (2019), auf dem erstmals Robert Röttig sang, tönte so, dass die meisten daran nichts auszusetzen hatten. Dank des erneut hochwertigen Songmaterials, mein Kollege Aidan liebt insbesondere das hochemotionale und sehr eingängige „Roses“, konnten sich Lunar Shadow endgültig in der ersten deutschen Metal-Liga festsetzen. Es liegt auf der Hand, dass man aktuell im Underground gespannt-sehnsüchtig auf Full-Length Nummer 3 wartet. Max und Co. sind schließlich ein Synonym für Qualität und daher beim Label Cruz del Sur bestens aufgehoben.

Was hat uns Wish to Leave zu bieten? Kurz zusammengefasst: Es gibt ein paar neue Akzente, aber Lunar Shadow bleiben ihren Trademarks nichtsdestotrotz treu. Die Band nimmt ihre Hörer sanft, aber bestimmt an die Hand, um sie in eine ferne, aufregende und wundersame Welt zu entführen, in der man seine Alltagssorgen für eine Weile komplett vergessen kann. Max hat mir vor drei Jahren einmal in einem Interview, in dem es unter anderem um Metal-Lyrics mit politischen Inhalten ging, erzählt, wie wichtig ihm der eskapistische Charakter seiner Kompositionen ist. Nun, mission accomplished, auch anno 2021. Lunar Shadow zeigen der kalten Realität den Stinkefinger!

Als wichtigste Reisebegleiter treten einmal mehr die hochmelodischen Gitarren in Erscheinung, welche in erster Linie für die oben genannte verträumt-melancholische Epik verantwortlich sind. Hier sollte man einfach die Augen schließen, um sich fallen und vom filigran-verspielten Sechssaiter-Zauber verführen zu lassen. Ich habe auf dieser Ebene immer wieder allerlei Künstler im Ohr, die in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben bzw. immer noch spielen: Mark Knopfler („To dusk and I love you“, um einen Track anzuführen) oder viel häufiger Jon Nödtveidt – ausschließlich das oberste Regal, und gleichzeitig zu jeder Zeit 100% Lunar Shadow.

Wish to Leave entpuppt sich, erwartungsgemäß, als Emotionsbombe, die niemanden kalt lässt, der sich auch nur in Ansätzen für härtere Stromgitarrenmusik begeistern kann. Die Zerbrechlichkeit, die Lunar Shadow seit jeher kennzeichnet, wird meines Erachtens durch das dezente Hinzufügen von Post Punk-Elementen (man höre z.B. den Opener „Serpents Die“) sogar verstärkt. Auch Roberts Vocals sind in diesem Zusammenhang zu nennen: Nein, er ist nicht der größte Sänger auf diesem Planeten. Aber ein Ronnie James Dio-Verschnitt, um nur einen prominenten Namen zu nennen, wäre auf dem vorliegenden Album komplett fehl am Platze. Lunar Shadow erinnern mich schließlich oftmals an eine kunstvoll angefertigte, in allerlei Farben strahlende Vase aus besonders dünnem Porzellan, mit der man stets behutsam umgehen muss. Robert gelingt es, die Erkenntnis, dass jede Schönheit vergänglich ist, auf eine ausgesprochen gefühlvolle Art und Weise zu transportieren. Die Eruptionen auf instrumentaler und auch gesanglicher Ebene (man höre vor allem den Schlusstrack „The Darkness between the Stars“), die insgesamt betrachtet einen gesunden metallischen Härtegrad sicherstellen, wirken wie eine verzweifelte Auflehnung gegen diesen unvermeidlichen Niedergang.

Lunar Shadow sind in meinen Augen eine bemerkenswert mutige Band, da sie immer mit offenem Visier zu Werke geht. Die sechs Kompositionen legen vieles von den Seelen der Musiker bloß, denen es so gelingt, eine tiefe Verbindung mit Hörern herzustellen, die ebenfalls bereit sind, sich zu öffnen. Unsere Welt ist häufig ein furchtbar sinnentleerter, oberflächlicher Ort, auch in „unserer“ Szene gibt es allzu viel vom Reißbrett. Lunar Shadow sind in dieser Hinsicht der Gegenentwurf – dafür gebührt ihnen ein ganz großes Dankeschön. Wenn eine Truppe das Etikett „besonders“, im rein positiven Sinne, verdient, sind sie es. Wish to Leave wird in vielen Jahresbestenlisten einen Spitzenplatz einnehmen, in meiner mit Sicherheit auch. Nach Thronehammer das zweite ganz fette Ausrufezeichen im Jahr 2021. Schade, dass die Reise diesmal nur 36 Minuten lang ist. Da die Platte aber durchaus ein paar Durchgänge benötigt, um ihre volle Pracht zu entfalten, empfiehlt sich ohnehin die regelmäßige Betätigung der Repeat-Taste.

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