Review: Requiem – Steven

Mit Requiems Steven (die Band heisst also Requiem und das Album Steven, nicht umgekehrt, wie es auf mehreren Portalen fälschlich steht) haben wir eine Wiederveröffentlichung eines Proto-Metal/Progressive Rock-Albums aus dem Jahr 1980 vor uns, gekonnt remastert von Neudi (Manilla Road, Trance u.a.).

Das Album zeichnet sich durch schöne, poetische Melodien, abwechslungsreiche Songs, und nicht zuletzt eine super Produktion und Tonqualität aus. Die Gitarrensoli sind wunderschön lyrisch, hier macht sich die hochwertige Produktion speziell bemerkbar. Die Progression der Songs ist sehr durchdacht und gibt dem Album einen guten Fluss. Auch der Gesang ist absolut erstklassig. Je höher die Stimme geht, desto beeindruckender klingt es, und ich fühle mich zuweilen sogar an Rob Halford erinnert, obwohl sich der Gesangstil mit seinen Gospel-artigen call-and-responses natürlich an einem anderen Genre orientiert. Die musikalischen Harmonien und die Songstruktur erinnern an US-amerikanische Bands wie Angel oder Blue Öyster Cult und an die europäischen Grössen Yes und The Who und gerade Gesang-mässig auch an Lucifers Friend, mit deren Sänger John Lawton Tommy Clauss ja in Rebel zusammenarbeitete. Zuweilen erinnern die Akkordprogressionen auch an die Beatles, aus deren progressiveren Ära.

„On This Earth – Introduction“ beginnt mit einer wunderschönen, ruhigen Gitarrenmelodie und einer Gesangpartie, die Gänsehaut beschert. Ein Problem ist leider die Dur-Harmonie, in die das Intro übergeht. Kompositorisch ist das natürlich kein Problem, doch persönlich finde ich, dass die fröhliche Stimmung nicht zur Intromelodie und zum Gesang passt, es baut die Spannung nicht weiter auf, sondern fügt ein Element hinzu, das man nicht erwartet hätte und von dem ich nicht angenehm überrascht werde. Doch gleich danach entwickelt sich die Geschichte wieder positiv mit einem griffigen, rockigen Riff in „On This Earth – Hunters“. Das darauffolgende Zusammenspiel von Synthesizer und Bass klingt auch sehr ansprechend. Die Taktwechsel sind erfrischend und weisen klar auf progressive Ambitionen hin. Hier stellen Taktunreinheiten jedoch ein Problem dar. Grundsätzlich habe ich keine Einwände gegen kleine Unreinheiten, doch in einer Sequenz mit vielen Takt- und Tempowechseln stört es das Hörerlebnis. In den 80-er Jahren konnte man sowas natürlich noch nicht rauseditieren, und das ist eigentlich auch schön. Im Kontext gewisser hochpolierter Produktionen heutzutage sollte ich mich eigentlich nicht zu sehr beklagen.

Die rhythmischen Kontrapunkte in „Crystal Ball“ funktionieren ausgezeichnet, dort sind auch die (kleineren) Taktunreinheiten weniger störend als in „On the Earth – Hunters“. „Bottom Line“ hingegen würde ich sagen ist der Tiefpunkt eines sonst sehr ansprechenden Albums: Die Dur-Harmonie macht das Lied aufdringlich, zudem ist es nicht gerade die kreativste Komposition.

Der Titelsong „Steven“ wiederum zeichnet sich durch spannende Synthesizer- und Rockorgelpassagen aus. Das Synthesizer-Solo in „Listen Boy“ ist ein Höhepunkt des Albums, eine echte Perle und Hörfreude! Die Klavierpartien erinnern an Toto, und sind aus der heutigen Perspektive vielleicht schon beinahe Klischee-mässig, doch 1980 war das natürlich noch anders. In „It’s Hard to Imagine“ kommt die hervorragende Stimme des Sängers (ist es Tommy Clauss oder Robert Baumann? Vielleicht wird dies im Booklet erläutert) so richtig zur Geltung, ein definitiver Hörgenuss. Zudem kriegen wir rundklingende, progressive Orgeltöne geboten, die einen ganz in die 70-Jahre zurückkatapultieren, und Taktwechsel, die eine willkommene Abwechslung zur Balladenstimmung bringen. Das Gitarrensolo ist erstklassig, sowas könnte ich mir stundenlang anhören. Übrigens komme ich am Gedanken nicht vorbei, dass die Abbrüche der Balladen-artigen Teile in Form von Taktwechseln in Kombination mit dem Titel des Lieds ein Kommentar zum ikonischen John Lennon-Lied sind. Doch ich kann mich irren.

Abschliessend kann ich sagen, dass wir mit Steven ein Album vor uns haben, das definitiv eine Wiederveröffentlichung und gerade auch ein Remastering mit so tollem Resultat verdient. Wir kriegen mal träumerische, mal rockige Gitarrenpartien, mal mitreissende, mal spacige Synthesizer- und Rockorgelpartien, und bewundernswerten Gesang geboten. Abgesehen von kleinen Irritationsmomenten veranlasst das Album zum Schwelgen, und ist ein richtiger Hörgenuss. Inwieweit ein Produkt aus dem Jahre 1980 41 Jahre später noch als enorme Innovation oder als kreativer Höhepunkt des Jahres bezeichnet werden kann, hat vielleicht weniger mit der kreativen Leistung der Band, sondern schlicht und ergreifend mit 41 Jahren musikalischer Entwicklung zu tun. Jemandem, der am liebsten immer Neues hört, kann ich auf jeden Fall sagen, dass Steven vielversprechend ist, auch nach 41 Jahren. Für Progfans, die auch immer wieder gerne Alben aus den 70-er und 80-er Jahren hören, kann ich definitiv eine Kaufempfehlung abgeben!

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