Review: Sphinx – Here We Are

Mit Sphinx haben wir eine Band vor uns, die 1977 im Raum Stuttgart gegründet wurde und lange vor manch anderer Band Prog Rock und Heavy Metal kombinierte. Ihr Album Here We Are wurde von Neudi gekonnt remastert, um es mit dieser Neuauflage einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Die Band zeichnet sich durch eine tolle Kombination von Rockorgel und Synthesizer aus, gerade im Zusammenspiel mit der Rhythmusgitarre in „Burning Lights“ erzeugt dies eine angenehme Spannung. Das Synthesizerarpeggio, das den Gesang umspielt, macht den Unterschied zwischen einer durchschnittlichen Strophe und dem progressiv treibenden Vers aus, den wir hier geboten kriegen. Der Groove erinnert an Deep Purple und einige der Soli auch an Emerson, Lake & Palmer.

Das Intro zu „Jane“ ist genial, die Harmonien verursachen Gänsehaut und ich warte gespannt, zu was sich das Lied weiterentwickeln wird. Das Resultat ist erstmals leider eher enttäuschend: ein rhythmisch eher eintöniger klassischer 80-er Rocksong. Die Schlagzeug-Fill-ins sind jedoch ansprechend, und sobald auf dem Synthesizer nicht bloss Akkorde, sondern groovige Melodien gespielt werden, bin ich wieder voll dabei. Die Kompositionsweise in sowohl Rhythmen und Harmonien erinnert sehr an Magnum. Hätte die Band bloss den Zwischenteil zwischen Intro und dem Teil mit mehr Komplexität ausgelassen, wäre dies ein rundum geniales Lied.

Interessanterweise geschieht etwas ähnliches in „Superstar“: zu Beginn erscheint das Lied als eher langweilige Formel, durchschnittlicher Heavy Rock mit ein bisschen Orgel im Hintergrund. Doch dann kommt ein Fill-in-artiges Gitarrensolo und gleich danach sind wir sogleich sowohl rhythmisch als auch melodienmässig wieder in hochinteressantem Territorium: progressive Grooves, melodiöse Komplexität und überhaupt ist viel los und das Zuhören macht so richtig Spass.

An dieser Stelle muss ich mein eher hartes Urteil zu „Jane“ und „Superstar“ nuancieren: hätte Sphinx das Album 2021 als Erstausgabe veröffentlicht, wäre die Kritik angebracht. 1981 hatte Prog Rock jedoch ein breiteres Publikum und deswegen ergab es vermutlich durchaus Sinn, klassische Rock- oder Arenarock-Elemente einzubeziehen. Und damals hiess das Genre ja auch noch nicht klassischer Rock, deswegen kann die kompositorische Wahl im Kontext ihrer Zeit kaum als unkreativ bezeichnet werden.

Hartes Urteil hin oder her, ab „I Quell Angolo“ lassen Sphinx ihr ganzes kreatives Potenzial los, und jeder Song ist eine Perle. Bei „I Quell Angolo“ ist der Text, der auf Italienisch gesungen wird, nicht der einzige Hinweis der als Hommage ans Heimatland der Eltern der meisten Bandmitglieder gedeutet werden kann. Das Lied ist äussert deutlich von italienischem 1970-er Prog Rock inspiriert, mich erinnert es hauptsächlich an Premiata Forneria Marconi. Von schwelgenden Synthesizer-Akkorden und fliessenden Basslinien zu atemberaubenden Breaks ist alles, was das Progherz begehrt, dabei. Der wunderschön getragene Gesang ist ein zusätzliches Plus.

In „Spirit of Life“ führt der eifrige Gebrauch von Sawtooth-Synthesizertönen den Song in eine andere Richtung als was die gitarrengetriebenen Melodien zu Beginn von „Jane“ und „Superstar“ vermochten, eine Richtung, die mir persönlich besser gefällt. Die Rhodes-Pianoeinschläge und kontrarhythmischen Rockorgelläufe stellen einen originellen Kontrast in der Tonlandschaft dar. Später kommt dann noch ein Funk-Feeling dazu das sogar ein bisschen Tanzlust weckt, und auch der Gesang ist nach wie vor phänomenal. Ein kraftstrotzendes Stück Prog.

„666“ ist eine wahre Schatzkiste musikalischer und textlicher Anspielungen, was nicht überraschend ist bei so einem musikgeschichtsträchtigen Titel. Der Synthesizer kriegt gleich zu Beginn eine zentrale Rolle, indem der Organist das unverkennbare Tritonusintervall spielt – das schlägt einfach nie fehl, um eine schicksalsschwere Stimmung heraufzubeschwören. Mit den progressiven Rhythmen und den Breaks im Intervall gibt die Band dem klassischen Stilelement einen neuen Anzug. So nimmt man die Präsenz des Intervalls mit sowohl erkennendem, als auch anerkennendem Nicken zur Kenntnis, weil Sphinx nicht nur darauf hinweisen, sondern es sogleich auch weiterentwickeln. Der beschwingte Groove des Songs erinnert an Lucifer’s Friend. Der Bandname passt ja einfach perfekt zu „666“, und deswegen wird die Phrase auch im Text erwähnt – ein gekonnter Hinweis. Die wechselnden Gitarren- und Orgelläufe sind eine absolute Hörfreude; in diesen Song hat die Band wirklich verschiedenste Höhepunkte reingepackt, Hut ab!

„Galley“ hat einen hohen Gänsehautfaktor. Das Intro mit seinen etwas dissonanten Akkorden und melodiöser Komplexität zieht einen sofort in seinen Bann. Hier kommt auch der Gesang wieder in seiner ganzen Fülle zur Geltung, was zu augenblicklicher und bleibender Gänsehaut führt. Die Variation im Gebrauch von verschiedenen Synthesizertönen und Klaviereinschlägen ist phänomenal. Die Kombination aus treibenden Grooves, ergreifenden Soli und Stimmungswechseln beeindruckt, hier kann ich wirklich nur sagen: Respekt. Stilmässig liegt der Song irgendwo zwischen Pink Floyd und Transatlantic. Dieses Stück ist das Epischste auf dem Album und als solches ein wahrer Genuss und nicht zuletzt ein würdiger Abschluss dieser vielseitigen und eindrücklichen musikalischen Reise.

Allgemein ist zu sagen, dass wir hier mitreissende Rhythmen, intrikate Melodien, eine super Stimme und einen enormen Abwechslungsreichtum geboten kriegen. Mich als Synth- und Orgelspielerin überzeugt und freut natürlich die Synthesizer- und Orgelgewichtung sehr, von mir aus könnten sich gerne mehr Bands in diese Richtung bewegen. Die progressiven Einschläge würde ich in der Nähe von Magnum und anderen Bands platzieren, die nach den grossen 70-er Progbands wie Yes und Genesis kamen, jedoch einen anderen Stil als die Neoprog-Bands der 80-er Jahre wie Marillion, IQ und Pendragon spielten.

Wie man vom Ton des Reviews schliessen kann, möchte ich hier definitiv eine Kaufempfehlung abgeben, speziell für diejenigen, die sowohl Prog als auch 80-er Rock mögen, da ist dieses Album ein Volltreffer. Überhaupt für alle, die so richtig kreative Musik mögen, und die sich von ein bisschen Hall auf dem Snare Drum nicht abschrecken lassen.

P.S. Vermutlich aufgrund eines falsch (ab-)geschriebenen Songtitels kombiniert mit unangebrachter Kreativität hat jemand auf Prog Archives „I Quell Angolo“ mit „The Passionate Angel“ übersetzt. Leidenschaftlich ist natürlich „appassionato“ auf Italienisch, deswegen weiss ich nicht, wie sich dieser Begriff eingeschlichen hat. Auf Englisch würde das Lied „That Corner“ o.Ä. heissen, was nicht so elegant klingt, aber hier geht es auf jeden Fall nicht um Engel, „angolo“ ist nicht dasselbe wie „angelo“.

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