Review: Manilla Road – The Courts of Chaos (HRR reissue)

Selten kommt einem die Ehre zugute, ein Lieblingsalbum zu reviewen. Da dies hier der Fall ist, kommt das Review einer Ode nahe. Neutralität ist sowieso ein problematisches Konzept, so was soll‘s. Der hier präsentierte Text kann für The Courts Of Chaos-Fans eine willkommene Äusserung einer Gleichgesinnten sein, und wer (noch) nicht Fan dieses Albums ist, wird von meinen Gedanken vielleicht überzeugt, oder zumindest dazu angeregt, sich das Album (nochmals) anzuhören. Die aktuelle Version wurde von Patrick Engel für LP gemastert, und High Roller Records steht für die Herausgabe.

Zur Sache: der erste, überaus epische Keyboardton von „The Road to Chaos“ erklingt und ich bin, wie jedes Mal, im Bann. Die Gänsehaut kommt, sobald die Tenorintervalle dazukommen. Einer Keyboardstimme im Metalkontext so viel Platz zu geben, und dazu noch im Introsong, ist radikal, und gerade in einer für Manilla Road schwierigen Zeit. Doch dies zeigt eine der vielen bewundernswerten Seiten der Band: ich sehe die kompositorische Wahl als klares Zeichen dafür, dass auch im gegebenen Kontext die Kreativität wichtiger war als ein Gedanke daran, was den Alben-Verkauf ankurbeln könnte. Für das Resultat können wir ewig dankbar sein. Die Gitarre kommt erst ein gutes Stück nach der Hälfte dazu, es passt zur Komposition, und die Band vermeidet ein leider allzu verbreitetes Problem gekonnt und mit wunderbarem Fluss: es gibt so viele Metalalben, die mit einem epischen Synthesizer-, Orgel- oder Orchesterintro beginnen und dann, oftmals sogar noch nach einer Pause, abrupt in ein erztypisches Metalriff ohne auch nur einen kleinen symphonischen Hauch übergehen. Bitte nicht! Auf „Road to Chaos“ hingegen geschieht der Übergang organisch, die Gitarre kommt als natürlicher Teil der Komposition dazu, treibt das Lied voran und fügt ein weiteres episches Element dazu. Es ist eine Wonne. Das Keyboard kreiert eine klare, zuweilen beinahe seidige Tonlandschaft, und sobald die Gitarre dazukommt, wird es roh und kraftvoll. Die Keyboardstimme schafft dazu einen magisch-mystischen Kontrast. In ein Lied, in dem die Tasteninstrumente schon zu Beginn enormes Gewicht haben, dann auch noch ein Keyboardsolo einzubauen, ist ebenfalls ziemlich radikal. Es passt und hebt den Song gleich nochmals um ein paar Stufen an.

„Dig Me No Grave“ ist ein Klassiker. Wie Mark Shelton in einem Interview sagte, das Album ist kein Wegwerf-Projekt (ein enormes Understatement). Jene, die es erwähnen, mögen es sehr (das kann ich unterschreiben), und das erwähnte „Dig Me No Grave“ war ein Teil von Manilla Roads Konzertrepertoire. Ich werde so richtig nostalgisch, wenn ich den Song höre. Ich kann die Konzertatmosphäre förmlich riechen und spüren. Der Groove ist fantastisch, der Refrain gibt ein bisschen Doom-Assoziationen (was selten eine schlechte Idee ist) und das Lied hat ein geniales Gitarrensolo. Was will man mehr?

„D.O.A.“ ist ein gelungenes Cover, die charakteristischen Aspekte des Originals – die prominente Bassstimme und der an die Beatles erinnernde Refrain – sind dabei, doch gleichzeitig fügen Manilla Road dem Lied auch Neues hinzu, was ich bei Covern immer mag – sonst wäre es ja uninteressant: Die Hammondorgel im Original ist beim Cover vom Album-typischen halb kauzigen, halb mystischen, und definitiv epischen Synthesizer ersetzt worden, was dem Lied eine klare Manilla Road-Prägung gibt. Mark Shelton lebt sich mehr ins Geschehen des Liedtextes ein als der Sänger des Originals. Dies kombiniert mit der Tatsache, dass die Cover-Version schneller ist als das Original, verleiht dem Lied eine mitreissende Dringlichkeit. Im letzten Drittel kommt ein richtig klassisches Manilla Road-Manöver, eine totale Überraschung, die man jedoch als kreatives Markenzeichen beim Epic Metal und gerade Manilla Road kennt und überaus schätzt: im gegenwärtigen Fall ist es eine Kadenz! Im Original kommt das als Bridge rüber, was im Rock ja gewöhnlich ist. Doch die Akkordmodulation, das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Instrumenten (Stimme miteinberechnet), die zunehmende Intensität und die Trommelwirbel in der Cover-Version erinnern an eine Kadenz im westeuropäisch-klassischen Sinne, einfach in einen Metal-Kontext überführt. Genial!

Bei sowohl „Into the Courts of Chaos“ und „From Beyond“ kommt die ausgezeichnete Abmischungsarbeit so richtig zur Geltung. Bei beiden Songs ist der Bass zumindest im Intro nicht bloss als Unterstützung des Gewichts der Tonlandschaft gedacht, sondern hat eine Melodie-Funktion, doch deswegen verlieren weder die Gitarre noch der Gesang noch das Schlagzeug an Bedeutung. Mir gefällt der Gedanke dahinter, es macht das Zuhören nicht nur schön, sondern auch spannend und anspruchsvoll. Trotz der Komplexität in solchen polyphonen Kompositionen kommen alle Stimmen zur Geltung, ohne gegeneinander zu konkurrieren, deswegen verdient gerade hier die Person, die für‘s Abmischen zuständig war, extra Respekt. Ich nenne diese zwei Lieder zusammen, weil beide für mich klassische Manilla Road-Songs sind: komplex komponiert, mal düstere, mal mystische Stimmungen, und tolle Gitarrensolos.

In „A Touch of Madness“ bietet Randy Foxe souveräne Fussarbeit, die Doppelpedalphrasen komplementieren das Gitarrensolo gekonnt. Der Gebrauch von schnellem Doppelbass ist nicht die erste Assoziation mit Manilla Road, die ich erwähnen würde, doch es ist sehr schätzenswert (hier spricht der Extremmetal-Fan). Ich möchte auch noch kurz anmerken, dass es einfach genial ist, Keyboard und Schlagzeug live simultan zu spielen, eine eher ungewöhnliche Lösung, doch wie so oft funktioniert das Exzentrische bei Manilla Road perfekt. Auch in diesem Lied kriegen wir eine Kadenz geboten, was den Song intensiv und komplex macht, und einfach begeistert. Auch hier zeigt die Band, dass Kreativität keine Grenzen haben muss, eine Einstellung, die glücklicherweise Genre-definierend wurde!

Auch in „(Vlad) The Impaler“ ist die Schlagzeugarbeit ein tragendes Element. Der Groove ist unübertroffen, die Gitarrenmelodie in den Strophen passt perfekt, und das Zusammenspiel zwischen Gitarre und Schlagzeug ist phänomenal. Obwohl das Lied kurz ist, bleibt Zeit für ein Gitarrensolo, was zusätzliche Hörfreude beschert.

„The Prophecy“ ist ein Höhepunkt des Albums: das Lied beginnt mit einem anspruchsvollen Kontrarhythmus, der in eine langsame, epische Gitarrenmelodie übergeht, begleitet wie auch sonst auf diesem Album von durchgehend fantastischer Schlagzeugarbeit – und dann kommt noch das Keyboard dazu, und mir fehlen bald die Superlative in diesem Review. Auch das Gitarrensolo ist ein Traum, man kommt so richtig ins Schwelgen. In dieser Version des Albums ist „The Prophecy“ der letzte Song, ein würdiger, majestätischer Schluss. Schicksalsträchtig, wenn man an die weitere Geschichte der Band denkt. 

So könnte ich noch lange weitermachen, dies ist der Nachteil, wenn Fans Reviews schreiben. Euch ist sicher beim Lesen schon klar geworden, dass hier allermindest eine Kaufempfehlung kommt. Jetzt ist natürlich die Frage: Was ist an der konkreten Ausgabe, um die es hier geht, speziell? Sie enthält weniger Songs als andere Ausgaben, beispielsweise fehlt hier „The Books of Skelos“, und auch der Live-Bonustrack, der z.B. auf der CD-Version von Iron Glory Records (2002) dabei ist. Das hätte auf einer LP keinen Platz gehabt, und ich finde es vollkommen verständlich, dass man aufgrund von zwei Songs (obwohl „The Books of Skelos“ eine phänomenale Komposition ist) keine Doppel-LP herausgibt. Die aktuelle Version wurde wie zu Beginn erwähnt von Patrick Engel für LP gemastert, und klingt absolut vielversprechend. Hier kommt auch die Frage dazu, was für Versionen des Albums man eventuell schon hat: hat man eine CD und besitzt zusätzlich zum CD-Spieler einen Plattenspieler, wäre die LP durchaus zu empfehlen, nur schon um genau hinzuhören, inwieweit und wo es Unterschiede im Klangbild gibt. Für jemanden, der das Album nicht schon hat, ist diese Version empfehlenswert, weil einem hier eine Neuherausgabe leicht zugänglich gemacht wird. Ich finde es wünschenswert, dies zu unterstützen, damit man nicht plötzlich gezwungen ist, auf zwielichtigen Occasion-Foren Sammler zu horrenden Preisen überbieten zu müssen. Nichts gegen Sammler also, gerade für sie ist diese Album-Version ein Muss. Wäre das Jahr 1990, würde ich schreiben, dass dieses Album ein Jahreshighlight ist, und das Potenzial hat, ein zukünftiger Klassiker zu sein. Im Rückblick kann man sagen, dass es entweder der Musikgeschichte willen schade ist, dass das Album, und Manilla Road keine Mainstream-Klassiker geworden sind, oder dass man des Untergrund-Metal zugunsten darüber froh sein kann. Als Klassiker des Epic Metal verehren wir Manilla Road ja sowieso! [Dem ist nichts hinzuzufügen, Anm. André]

P.S.: Nach Veröffentlichung des Reviews ist eine interessante Debatte zum Thema Schlagzeug entstanden. Es geht darum, inwieweit die Schlagzeug-Stimme, die wir auf dem Album hören, von einem (von Randy Foxe programmiertem) Drumcomputer kommt, oder eine Live-Aufnahme eines getriggerten und folglich mit Samples bearbeiteten Schlagzeugs ist. In der Herausgabeinfo zur LP durch High Roller Records, auf die sich mein Review bezieht, steht ein Auszug von einem Interview mit Mark Shelton, in dem er sagt, dass für die Aufnahmen ein getriggertes Schlagzeug und Samples gebraucht wurden. Auch Neudi erwähnt ein getriggertes, doch live aufgenommenes Schlagzeug. Meine Kommentare zur Schlagzeugarbeit im Review bezogen sich auf diese Beschreibungen des Aufnahmeprozesses. Nun ist mir hingegen zu Ohren gekommen, dass Mark Shelton in einem Interview (Manilla Road Special in Deaf Forever Nr. 03/16) erwähnte, dass auf The Courts of Chaos ein Drumcomputer gebraucht wurde (danke an Thomas via André für den Hinweis). Im Booklet des Golden Core Reissues (2019) erwähnt Randy Foxe dasselbe (danke an André für den Hinweis). Ich gehe davon aus, dass die ausführliche Erklärung des Schlagzeugers selbst die vertrauenswürdigste Quelle ist, deshalb die Erläuterung hier. Randy Foxe erklärt im Golden Core-Booklet, wie er stundenlang daran gearbeitet habe, die Schlagzeug-Sequenzen so nah wie möglich an sein Live-Spiel anzupassen. Da muss ich wirklich sagen Hut ab! Normalerweise erkennt man einen Drumcomputer daran, dass die gleichen Sequenzen wiederholt werden, und die Schlagzeugstimme im Allgemeinen monoton und uninspiriert ist. Doch hier merkt man wirklich, dass die Idee eigentlich war, ein Live-Schlagzeug aufzunehmen, doch die Band es sich zum gegebenen Zeitpunkt schlicht nicht leisten konnte. Die Kompromiss-Lösung funktioniert ausgezeichnet und man denke, sie hätten das Album nicht veröffentlicht… mir schaudert’s und ich bin froh, dass sich Manilla Road zum Drumcomputer-Kompromiss entschieden haben!

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