Review: Aiwass („Epic Psychedelic Doom“)

I was born as a monster
I have lived as a god
I will die in the mythos
I will rot in your minds
(aus „Mythos“)

Wenn man mich fragt, warum ich im letzten Jahr mit Aidan und Tim diesen Blog ins Leben gerufen habe, verweise ich in erster Linie auf die Freiheit, jeder funkelnden Underground-Perle eine kleine Plattform bieten zu können. Insofern es nur einen Leser gibt, der nach der Lektüre unserer Texte den „Bestellen“-Button bei z.B. Bandcamp betätigt, haben wir unser Ziel erreicht. Erfreulicherweise war dies in den letzten Monaten bereits häufiger der Fall! Auch wenn es zeitlich nicht möglich ist, jeden Künstler, der uns kontaktiert, zu berücksichtigen (sorry dafür!), bemühen wir uns weiterhin stets, Low oder No Budget-Produktionen, die woanders noch nicht in einem nennenswerten Maße (oder gar nicht!) beachtet worden sind, zu würdigen.

Und damit lande ich unweigerlich bei Aiwass – ein Bandname, der laut Metallum insbesondere im Black Metal-Bereich beliebt zu sein scheint. Und das ist nicht so erstaunlich: Aiwass ist nämlich laut Aleister Crowley der Name eines ägyptischen Gottes, der ihm den Inhalt seines im Jahre 1909 erschienenen okkulten Werkes Liber AL vel Legis eingeflüstert haben soll. Aber lasst euch nicht in die Irre führen: Hier geht es um das 1-Mann-„Epic Psychedelic Doom“-Projekt aus Flagstaff im Bundesstaat Arizona (ca. 66.000 Einwohner). Blake Carrera, „Mr. Aiwass“, ist ein treuer Leser unseres Blogs, der mir kürzlich seine Songs „Man as God“ und „Mythos“ geschickt hat, um dort einmal hereinzuhören.

Womit haben wir es hier zu tun? Wie oben erwähnt bezeichnet Blake seine Musik selbst als „Epic Psychedelic Doom“ – eine leicht verschrobene Genre-Bezeichnung, die ich noch nie gehört habe und die direkt aus der Feder meines diesbezüglich stets kreativen Kollegen Aidan stammen könnte. Die beiden sollten mal einen Kräutertee zusammen trinken… Aber das Label passt durchaus: Dass die beiden genannten Kompositionen stilistisch sowohl Psychedelic (Rock)- als auch Doom-Elemente aufweisen, ist unstrittig. An einigen Stellen denke ich an Smoke Mountain, deren tolle Debüt-LP Queen of Sin ich im letzten Jahr für eine andere Plattform reviewen durfte. Generell wäre Aiwass in stilistischer Hinsicht beim italienischen Label Argonauta Records exzellent aufgehoben: Neben besagten Smoke Mountain tummeln sich dort auch spannende Künstler wie Kayleth oder Megatherium, deren Anhänger Blakes Tracks mögen dürften.

Aiwass gelingt es, auf der Basis der genretypischen Lava-Riffs eine düstere Atmosphäre mit einem gewissen Grusel-Faktor zu kreieren (Crowley lässt grüßen!), welche die Hörer bereits nach kurzer Zeit in ihren Bann zieht. Epik erkenne ich hier offen gestanden nicht, sondern vielmehr eine ausgeprägte Stoner-Schlagseite, die allzu engstirnige Doom-Traditionalisten in der Regel (leider) ein wenig abschreckt. Es sei übrigens ausdrücklich betont, dass „Man as God“ (5 Minuten und 17 Sekunden) und der Longtrack „Mythos“ (11 Minuten und 20 Sekunden) dank einiger Rhythmus- und Tempowechsel keineswegs eintönig sind – hier passiert einiges!

Ein prägender Faktor ist der stark in den Hintergrund gemischte, beschwörende Gesang, der mich oftmals an ganz frühe Pink Floyd erinnert (A Saucerful of Secrets/1968). Freude bereitet mir zudem der organische Schlagzeug-Klang, der in meinen Ohren angesichts der Flut an Baller-Drums in unserer Szene eine echte Wohltat ist. Der rohe Sound verbreitet einen typischen Underground-Charme – und stellt eine Parallele zu den im Vorstehenden angeführten Smoke Mountain dar. Meines Erachtens darf Aiwass nur SO klingen, um seine volle Wirkung zu entfalten: Der Abstieg in den Wahnsinn gelingt nicht mit Hochglanz-Plastikproduktionen – dafür braucht man Ecken, Kanten und Dreck!

Fazit: Blake Carrera ist ein vielversprechender Künstler, den Genre-Fans zweifellos im Auge behalten sollten. Labels wie Argonauta Records sollten mal in Flagstaff anrufen und ihm einen anständigen Deal anbieten. Qualitativ kann Aiwass mit der neuen Newcomer-Welle im Segment der etwas abseitigen, mysteriösen langsamen Töne ohne Wenn und Aber mühelos mithalten!

„Man as God“
„Mythos“

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