Review: Natur – Afternoon Nightmare

Release: 26.03.2021 (bei Dying Victims)

Es gibt viele großartige ikonische Namen für Heavy Metal-Bands: Iron Maiden, Judas Priest oder Mercyful Fate – um der Einfachheit halber bei den Klassikern des Genres zu bleiben. Man kann sich aber auch Natur nennen. Wenn man aus Mecklenburg-Vorpommern stammt, kaum der Rede wert. Wenn man in Brooklyn, New York, sein Unwesen treibt, sehr wohl. Natur existieren sogar schon seit dem Jahr 2008, präsentierten im vergangenen Jahr mit Afternoon Nightmare aber erst den zweiten Longplayer – geschlagene acht Jahre nach dem Debütalbum Head of Death, das mir leider unbekannt ist. Da Dying Victims den Zweitling Ende März neu herausgaben, landeten die vier US-Amerikaner nun mit einiger Verspätung auch in meinem Player. Die Vorliebe für etwas ausgefallene Namen kennt offenkundig keine Grenzen: Wir haben es auf Afternoon Nightmare nämlich mit Tooth Log (Schlagzeug, Gesang), Mexicutioner (Bass) und Dino Destroyer (Gesang) zu tun. Ryan Welbust (Gesang, Gitarre), der bürgerlich offenbar auch genau so heißt, fällt diesbezüglich ein wenig aus dem Rahmen. Man soll es schließlich nicht auf die Spitze treiben.

Aber genug zum Drumherum, widmen wir uns der Musik. Laut Metallum spielen Natur Heavy Metal, der sich auf der lyrischen Ebene mit Horror- und Okkultthemen befasst. Letzteres spiegelt sich deutlich in der Musik wider, denn das Brooklyn-Quartett ist keineswegs eine der zahllosen, oftmals recht gesichtslosen Retro-Bands, die sich derzeit im klassischen Metal-Segment tummeln. Afternoon Nightmare beginnt mit einem geschmackvollen Intro, das jeden Gruselstreifen zieren würde – wenn man parallel dazu noch das Coverartwork in Augenschein nimmt, ist man in der richtigen Stimmung für die folgenden 40 Minuten.

Meiner Meinung nach verfügen Natur über drei Stärken: Der Band gelingt es, eine recht dichte, finstere Atmosphäre zu kreieren, die den Hörer bereits nach wenigen Minuten in sich aufsaugt. Zudem hat man mit Ryan einen Sänger an Bord, der über einen hohen Wiedererkennungswert verfügt. Die dezente Kauznote muss man mögen, allerdings sollte dies bei den meisten Lesern des Epic Metal Blogs der Fall sein. Ryan, der wie oben geschrieben auch Gitarre spielt, entpuppt sich als fähiger Zeremonienmeister, der mit manchmal recht theatralischen Vortrag überzeugen kann. Auf dieser Ebene erinnert er mich ein wenig an King Diamond, auch wenn die bevorzugte Tonlage weitaus niedriger angesiedelt ist. Das wahre Glanzlicht auf Afternoon Nightmare ist nichtsdestotrotz die Gitarrenfraktion: Zu hören gibt es starke, einprägsame Riffs, die sich im Ganzen gesehen wohltuend von manchen Reißbrett-Kreationen weniger kreativer Kollegen absetzen. Bei den (Twin-)Leads stellen britische Einflüsse ein Element dar, allerdings haben die Jungs offensichtlich auch eine Vorliebe für kernigen US Power Metal. Natur bieten uns obendrein einige ausladende, verspielte Parts an, die mich an ihre Label-Kollegen Coltre denken lassen, die ähnlich markant unterwegs sind. Die regelmäßigen Rhythmus- und Tempowechsel tragen zur Komplexität der Kompositionen bei, die man mit Sicherheit nicht als „Hitfeuerwerk“ einstufen kann. Die Songs benötigen – wie bei Coltre – einige Durchläufe, um sich in den Gehörgängen festzusetzen. Erwähnenswert ist überdies der angenehme, organische Sound, für den in erster Linie Jamie Elton zuständig ist: Der ehemalige Sänger (2010-2018) der britischen Heavy Metal-Truppe Amulet hat Afternoon Nightmare fachkundig abgemischt und gemastert.

Fazit: Natur sind eine Band, die ohne jeden Zweifel hervorragend in das qualitativ hochwertige Dying Victims-Portfolio passt. Hier findet man als Fan/Reviewer regelmäßig Künstler, die „besonders“ sind und aus der Masse herausragen – man denke nur an die oben erwähnten Coltre sowie Megaton Sword oder Significant Point. Die neue Perle Natur lege ich jedem Anhänger traditioneller, düsterer Metal-Klänge, die sich nicht um Schema F scheren, wärmstens ans Herz. Klassischer Hell over Hammaburg-Stoff, Herr Mühlmann!

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