Review: Tokyo Blade – Night of the Blade… The Night Before

Release: 30.04.2021

Wie bereits im Review über Night of the Blade erwähnt, hatten Tokyo Blade nach dem Release ihres selbstbetitelten Debütalbums (1983) mit einigen Turbulenzen zu kämpfen, die – rückblickend betrachtet – wohl dazu beigetragen haben, den Aufstieg in Iron Maiden-ähnliche Sphären zu verhindern. Ihre Plattenfirma Powerstation Records mischte sich während der Entstehung des eingangs genannten Zweitwerkes nachdrücklich in die Personalpolitik ihrer jungen Klienten aus Salisbury, Wiltshire, ein und sorgte dafür, dass Sänger Alan Marsh kurz vor der Fertigstellung durch Vic Wright ersetzt wurde – obwohl Erstgenannter die Tracks bereits eingesungen hatte. Marsh war vor diesem Hintergrund auf The Night of the Blade überaus präsent: Aus dessen Feder stammten nicht nur die Lyrics, auch sämtliche Gesangslinien sind auf ihn zurückzuführen. Auf der Platte sind obendrein an einigen Stellen Backing Vocals und sogar einige Lead Vocals von ihm zu hören.

Die Compilation Night of the Blade… the Night Before sorgte im Jahr 1998 für Gerechtigkeit, da damals erstmals die Originalfassungen von sechs der acht Nummern das Licht der Welt erblickten. Als Bonus gab es damals im Übrigen noch sechs Songs von Mr. Ice (einem Tokyo Blade-Nachfolgeprojekt). Dank High Roller Records liegt das Ganze nun auch, abermals von Patrick W. Engel gemastert, unter dem Namen The Night Before auf Vinyl vor – ohne Mr. Ice-Material.

Zunächst einmal zur Tracklist: Auf der vorliegenden Scheibe fehlen „Rock me to the Limit“ und „Lightning strikes (Straight trough the Heart)“. Dafür gibt es als Bonus: „Attack Attack“ und „Fever“, die als B-Seite der noch von Alan Marsh eingesungenen EP Lightning strikes (Straight trough the Heart) (1984) veröffentlicht worden sind. Darüber hinaus enthält The Night Before den Titelsong der EP Madame Guillotine (1985) sowie „Breakout“, der sich ursprünglich auf der B-Seite jenes Releases befand, bei dem Vic Wright für die Vocals verantwortlich war.

Erst gestern bin ich gefragt worden, welche Version der Night of the Blade-Tracks ich bevorzuge. Ich muss zugeben, dass ich beide Sänger zu schätzen weiß und zu einem „Remis“ tendiere. Meines Erachtens versprüht Wright mehr Hardrock-Vibes und ist im Ganzen gesehen etwas massenkompatibler. Marsh klingt in meinen Ohren ein wenig „metallischer“, ist jedoch qua Stimmfarbe auch nicht weit von seinem Nachfolger entfernt. Ihr merkt es an meiner vorsichtigen Wortwahl: Es geht hier echt um Nuancen, mutmaßlich punktete der blutjunge Wright (Jahrgang 1967!) bei Powerstation Records im direkten Vergleich vor allem mit Äußerlichkeiten – ein echter NWOBHM-Posterboy…

Fazit: The Night Before richtet sich meines Erachtens vorwiegend an zwei Zielgruppen. 1.) Tokyo Blade-Diehards, die schlicht und ergreifend alles besitzen möchten, das unter dem Banner der Band erscheint, zumindest in Bezug auf die essenzielle Frühphase. 2.) Passionierte NWOBHM-Anhänger, die Platten nicht zuletzt aus musikhistorischem Interesse kaufen. The Night Before ist demnach eine exzellente Ergänzung, welche die typische High Roller Records-Aufmachung verdient hat. Tokyo Blade-Gelegenheitshörer werden jedoch auch glücklich werden, wenn sie lediglich die im Jahr 1984 veröffentlichte Wright-Fassung ihr Eigen nennen.

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