Interview: Servants to the Tide (Teil I)

Die Wahrscheinlichkeit, dass Servants to the Tide am Jahresende in den Bestenlisten einiger Epic Metal Blog-Autoren weit oben auftauchen, ist sehr groß. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass die beiden Chefredakteure Aidan Stein und André Krause mit den deutschen Epic Doom-Senkrechtstartern ein paar Worte wechseln wollten. Corona-proof geschah dies in entspannter Feierabendatmosphäre via Zoom. Bei einem Dithmarscher (Leon Rubinstein), einem Flensburger (Stephan Wehrbein) und Qualitätswasser (der Epic Metal Blog, klar) ging es im ersten Teil des Interviews vor allem um die Gründungsgeschichte der Band, ihr selbstbetiteltes Debütalbum und Jeff Black, den Chuck Norris unter den Metal-Pianisten. Im zweiten Teil, der in Kürze folgt, liegt der Fokus auf Lieblingssängern, Lieblingsalben und der (deutschen) Epic Doom-Szene.

Ja, das ist tatsächlich ein Strandkorb…

André: Leon, Stephan es freut uns sehr, dass ihr Zeit für uns habt. Wie geht es euch?

Stephan: Also, mir geht es gut. Ich sitze im Strandkorb. Das Wetter war heute auch ganz annehmbar – jetzt ist es leider zugezogen. Ich hoffe mal, ich bleibe hier auf dem Balkon trocken.

Leon: Du sitzt echt im Strandkorb, was? [Ein wirklich beneidenswerter Anblick, der im Gespräch mit allgemeiner Bewunderung quittiert wurde] Mir geht es auch hervorragend: Ich habe gerade mein Feierabendbier!

Stephan: Ich auch!

André: Na, dann Prost! Aidan und ich haben Wasser… Was war das letzte Album, das ihr vor unserem Interview gehört habt?

Stephan: Ich bin schon ein Albumhörer. Aber ich bin natürlich auch ein Kind der modernen Zeit und benutze auch gerne Spotify. Ich muss zugeben, wenn ich im Auto unterwegs bin, höre ich hauptsächlich Playlists. Das letzte Album, das ich mir am Stück angehört habe, dürfte tatsächlich unsere Scheibe gewesen sein. Auf meinen Playlists, die ich im Auto höre, sind vor allem aktuellere Sachen. In den letzten Tagen habe ich aber sehr viel Solstice gehört, da sie inzwischen auch bei Spotify aufgetaucht sind. Generell bin ich schon ein Unterwegshörer, aber zu Hause lege ich gerne Platten auf.

Leon: Bei mir ist das ähnlich. Der letzte Song, der lief, war „The Soulforged“ von Blind Guardian – allerdings war das einfach nur meine Playlist. Die letzte Scheibe, die ich bewusst aufgelegt habe, war die aktuelle Drakkar, Chaos Lord. Ein großartiges Album, solltet ihr auch mal besprechen! [Die Promo liegt uns in der Tat vor, aber zu einem Review ist es bis dato noch nicht gekommen…]

Leons Empfehlung.

Aidan: Was Spotify angeht, müssen wir uns ja auch outen, wenn man bedenkt, wie oft wir Playlists posten. [Zum Beispiel hier] Ich muss sagen, dass ich viele Bands ohne Spotify gar nicht kennen würde – ich tue aber mein Bestes, um sie dann auch richtig zu unterstützen.

Leon: So verstehe ich Spotify auch. Das ist für mich Nebenbei-Radio und im Grunde genommen ein Tool, um in eine Platte reinzuhören. Wenn mir etwas gefällt und drei oder vier Mal läuft, wird es eh über kurz oder lang gekauft.

Stephan: Wenn man mal länger auf eine Platte warten muss, ist es natürlich auch gut, dass alles ab 0 Uhr am Veröffentlichungstag verfügbar ist.

Aidan: Kommen wir zu einem anderen Thema: Wann habt ihr zwei euch eigentlich kennengelernt?

Leon: Wir haben uns in Mönchengladbach im Kultube kennengelernt.

Stephan: Genau, in meiner guten Heimat.

Leon: Da habe ich mit meiner alten Band Craving gespielt. Wir hatten ein Konzert auf einem Zwei-Tage-Minifestival mit sechs Bands. Und wir haben am selben Tag gespielt wie Stephans Band Screaming Souls. Ihr, Stephan, habt den Soundcheck gemacht – und zwar eiskalt mit Savatage-Songs. [lacht] Da kam dann so ein Kerl mit Kutte auf die Bühne, auf der ein riesiger Savatage-Backpatch prangte. Ich weiß nicht mehr genau, was du gesungen hast…

Stephan: Daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern… Zakk Stevens ist auf jeden Fall immer schon einer meiner Lieblingssänger gewesen – und daher war das vermutlich etwas von der Edge of Thorns. Von der Platte singe ich häufiger etwas bei Soundchecks. Ich würde daher darauf wetten, dass es „Follow Me“ war.

Stephan sehr geschmackssicher unterwegs.

Leon: Wir waren auf jeden Fall eine Pagan Melo Black Metal-Band und spielen da mit einer Menge Thrash-Bands. Und dann kommt da ein Kerl auf die Bühne, um Zakk Stevens zu singen. Ich dachte: „Nice!“ Danach haben wir ein paar Bierchen getrunken und sind in Kontakt geblieben. Als ich dann irgendwann angefangen habe, Doom-Kram zu schreiben, hat sich Stephan gemeldet und gesagt, er könne das einsingen – und das hat er dann auch gemacht.

Aidan: Ja, und das Resultat kann sich ja definitiv sehen lassen. 

Stephan: Es hat leider alles ein bisschen gedauert… Es kursiert die Geschichte, dass wir ungefähr anderthalb Jahre für das Album gebraucht hätten – bzw. Leon, denn er hat ja den Löwenanteil der Vorarbeit geleistet. Bei mir war einfach viel los, es zog sich hin – bis wir irgendwann den Punkt erreicht hatten, an dem ich sagte: „Wir machen das jetzt fertig oder gar nicht.“ Dann ging es aber plötzlich ratzfatz. Leon hatte natürlich zu Hause schon alles vorbereitet. Der letzte Produktionsteil, das komplette Einspielen des Schlagzeugs und die Aufnahme des Gesangs, war eigentlich eine Frage von Wochen. 

Leon: Der Gesang war tatsächlich eine Frage von zwei Tagen – und ein Drittel davon haben wir, glaube ich, damit verbracht, bei dir im Wohnzimmer zu sitzen und Pizza zu essen und Bier zu trinken. Ganz am Anfang sollte es eigentlich eine EP werden – das war so ein bisschen mein Weihnachtsexperiment. Ich saß an den Feiertagen zu Hause und hatte sonst nix zu tun, Urlaub. Und ich dachte mir: „Hey, was machste? Nimmste Doom Metal auf. Ist doch witzig!“ So entstanden damals die ersten Songs, die ersten waren „Your Sun Will Never Shine For Me“ und „On Marsh and Bones“. Dann hatte ich noch die Idee für „North Sea“, das habe ich auch relativ schnell eingespielt. Anschließend – das kennen sicher viele Musiker – hing alles erst einmal wie viele tolle Ideen auf dem Laptop rum. Im Laufe der Zeit ist mir das alles aber sehr ans Herz gewachsen – ich wusste: „Das will ich machen!“ Ich bin dann auch bei Craving ausgestiegen. Das Ganze ist schließlich auch auf Albumlänge angewachsen. 

Stephan: Und zwar so lang, wie ein Album sein sollte. Unter 40 Minuten, damit es auf eine Scheibe passt. Der ganze Ausschuss kommt dann auf das nächste Album [lacht].

André: Da habt ihr mich auf jeden Fall. Ich finde diese Albumlänge perfekt. Aidan sieht das meist ein bisschen anders.

Aidan: Ja, das stimmt. Mein Lieblingsalbum Beyond the Veil von Dark Forest geht ja auch 70 Minuten. Das ist ein Traum…

Stephan: Es gibt ja auch viele Alben, die lang, aber trotzdem gut sind. Aber ich bin schon ein Fan davon, wenn es knackig ist und auf den Punkt kommt – gerade wenn man ein Albumhörer ist, irgendwann lässt die Aufmerksamkeit einfach nach. Wenn man sich die alten Priest– oder Slayer-Scheiben anguckt, die enden alle bei zirka 35 Minuten, manchmal 40 Minuten. Früher hat nie jemand gedacht: „Hey, was ist das für ein kurzes Album!? Das kann man doch viel länger machen.“

Leon: Auf die Albumlänge haben uns schon einige Leute angesprochen. Man muss wissen, dass die letzte Craving-Scheibe, auf der ich gespielt habe, 76 Minuten lang war – ein echtes Monstrum. 34 Minuten zu machen war nun richtig kathartisch. Auf der Platte ist einfach nichts drauf, was wir nicht haben wollen – kein Refrain zu viel, kein Song zu viel, passt alles perfekt.

Stephan: Ich finde es auch rund. Und wenn du die A-Seite und B-Seite auf Vinyl hast, finde ich auch, dass das alles gut fließt. Es ist einfach gut arrangiert.

Hey, was machste? Nimmste Doom Metal auf. Ist doch witzig!

Leon einst zur Weihnachtszeit…

Aidan: Das gesamte Epic Metal Blog-Team findet das Servants to the Tide-Debüt großartig, vor allem den Song „North Sea“. Ich muss auch zugeben, dass mir die Nummer am besten gefällt. Empfindet ihr diese Nummer ebenfalls als Highlight auf eurer Scheibe?

Stephan: Zu diesem Song habe ich noch einmal eine besondere Verbindung, weil ich dafür zuvor schon einmal ein Gesangsdemo aufgenommen hatte – ohne das mit Leon zusammen zu machen. Er hatte mir bereits Sachen geschickt, es gab – wie gesagt – einen recht langen Zeitraum, in dem nichts passiert ist. Da hatte ich tatsächlich schon einmal für mich allein im Proberaum ein Demo eingesungen und Leon daraufhin auch geschickt. Da war der Song in der Mitte noch deutlich anders strukturiert, der Gesang war auch ganz anders. Man muss wissen, ich singe bei Servants komplett anders, als ich es bei meiner Hauptband tue – das ist halt eher eine klassische Metalband, dort gibt es ganz andere Anforderungen. Auf dem Demo habe ich es dann erst so gemacht, wie ich es auch bei Screaming Souls getan hätte. Dieser Refrain von der Demofassung hat es dann in die Endfassung geschafft, weil der so geil war. Ich weiß noch, dass ich das Demo, nachdem ich es eingesungen hatte, rauf und runter gehört habe. Für mich ist „North Sea“ daher auch ein besonderer Song – ob es auch der beste Song des Albums ist, weiß ich nicht. Ich finde ihn super, aber ich finde die anderen auch super. Ehrlich gesagt, wenn ich meinen Lieblingssong aussuchen müsste, wäre das wahrscheinlich der allererste, „Returning from Miklagard“, der von allen immer fälschlicherweise als „Intro“ betitelt wird. Für mich ist das ein ganzer Song! Ich finde den großartig, das ist ein toller Einstieg in die Platte. 

Leon: „Returning from Miklagard“ ist so ein bisschen angelehnt an „The White Ship“ von Atlantean Kodex. Meine Idee war eigentlich, die Gitarre als Guideline zu haben und Stephan darüber singen zu lassen und dann die Gitarre zu löschen, damit es a capella ist. Aber dann klang es irgendwie zu cool… Es ist ein toller Song: Wenn „The White Ship“ ein ganzer Song ist, ist der hier es auch. Zu „North Sea“: Ich sehe auch, dass es der Song ist, der am meisten gehört wird. Es ist der Song, der die meisten Referenzen kriegt. Das freut mich natürlich riesig, weil es für mich auch der stärkste Song auf dem Album ist, der stärkste Refrain zumindest. Es ist auch der dynamischste Song, wenn man den letzten, „A Servant to the Tide“, einmal herausnimmt. An „North Sea“ mag ich auch, dass der Song das Klavierelement hineinbringt, von dem ich glaube, dass uns das ein bisschen von anderen Bands abgrenzen kann. Es gab fast alles schon – eine Doom-Version von Savatage gab es noch nicht. Das übernehmen wir jetzt einfach mal.

André: Leon, ich nehme an, dass die Nordsee in deinem Leben eine besondere Rolle spielt – du hast zu diesem Thema schließlich die großartigste Hymne verfasst, die ich kenne.

Leon: Ich bin ja quasi ein Nordsee-Kind. Ich bin in St. Petersburg an der Ostsee geboren worden. Wir sind dann ins Oldenburger Land gezogen. Ich habe nie direkt an der Nordsee gewohnt, aber immer in Schlagweite. Von Oldenburg aus kannst du mit dem Fahrrad hoch fahren, später von Osnabrück aus war es auch keine ewige Reise, Hamburg ist noch näher dran. Ich habe mich immer als Kind dieser Gegend gefühlt. Ich bin früher auch öfters nach England gefahren, auf das Bloodstock Festival. Da fährst du einmal mit der Fähre rüber. Und das ist auch immer eine ganz starke Erinnerung, wenn du nachts losfährst, einmal quer durch Holland, dann in Calais ankommst, dich völlig fertig auf diese Fähre setzt und nach einer Stunde tauchen die weißen Cliffs von Dover auf. Das ist schon ein bisschen geil. Das sind Sachen, die sich einbrennen. Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich mit der Nordsee eine engere Verbindung habe als mit anderen Gegenden.

Aidan: Das Gefühl kann ich definitiv teilen. Ich habe selbst am Anfang meines Lebens ein paar Jahre in England gewohnt und habe daher noch eine gewisse Verbindung. Wir fahren auch eigentlich jedes Jahr einmal dorthin.

Leon: Ja, und dieses Gefühl haben wir probiert einzufangen. Auch die Idee dieser ewigen Küste, die schon da war, als wir es noch nicht waren und noch da sein wird, wenn wir es nicht mehr sind.

Aidan: Ich finde, dass „North Sea“ in stilistischer Hinsicht eine Sonderrolle einnimmt. Der Song ist ein bisschen doomiger. Plant ihr, auf künftigen Releases vor allem daran anzuknüpfen? Bei Facebook habe ich zum Beispiel gelesen, dass auf der neuen Platte auch ein paar längere Nummern sein werden…

Leon: Ich weiß noch nicht, wie der Rest der Platte aussehen wird. Ich habe versucht, einen kurzen Song zu schreiben und der steht gerade bei sieben Minuten, der längste Song liegt gerade locker-flockig bei über zwölf. Um auf den ersten Teil deiner Frage zu kommen: Textlich werden wir nicht daran anknüpfen, das wäre sonst sehr langweilig – es gibt nur eine Nordsee. Wir wollen auch keine Band werden, die ihren Kram immer wiederholt.

Stephan: Genau, es ist alles sehr stimmig, wie es jetzt entstanden ist. Wir sind beide nicht die Typen, die sich künftig ständig an dieser Thematik abrackern möchten. Wir wollen nicht die Epic Doom Nordsee-Band sein. [Es fällt ein Vergleich, der den Zoom-Raum niemals verlassen wird] Es ist aber nicht auszuschließen, dass man später atmosphärisch noch einmal ein paar Verbindungen heraushören wird. Das ist dann aber auch alles.

Eine Doom-Version von Savatage gab es noch nicht. Das übernehmen wir jetzt einfach mal.

Leon

André: Auf dem bereits erwähnten Schlusstrack „A Servant to the Tide“ spielt Jeff Black, der schon ein paar Mal auf unserem Blog zu Wort gekommen ist, Piano. Wie ist dieser Kontakt zustande gekommen? 

Leon: Dieser Kontakt ist über Freunde von mir zustande gekommen, die sich mal irgendwie mit den Leuten von Gatekeeper angefreundet haben. Mit Jeff blieb ich in Kontakt – ich meine, Gatekeeper sind ja auch eine schweinegeile Band. [Allgemeine Zustimmung] Nun, ich hatte das Outro von unserem Album, ein Klavierstück, das ich seit Ewigkeiten im Kopf hatte. Jetzt gab es endlich mal eine Möglichkeit, es zu verwursten. Ich habe es dann eingespielt und Stephan meinte, es wäre so lala, wie ich es gespielt habe – womit er recht hatte! Daraufhin hat er selbst angeboten, das Outro einzuspielen, es aber zeitlich nicht mehr geschafft. 

Stephan: Zwei Tage hast du mir gegeben, zwei Tage! Mit Job und Piano einrichten zu Hause…

Leon: Genau, my bad…

Stephan: Das geht so nicht. Es sei denn du bist Jeff Black. Dann schaffst du das an zwei Tagen. Ist ja klar.

Leon: Anyway, ich wollte dieses Klavierstück nicht einfach so stehen lassen. Stephan hatte recht, es war nicht so eingespielt, wie es hätte sein können. Ich fing an rumzufragen, unter anderem auch Jeff – ihn fragte ich, ob er jemanden kennt, der Klavier spielen kann und Zeit und Lust hätte, das zu machen. Dann hat er mir eröffnet, dass er ein gelernter Jazz-Pianist ist und Gitarre nur so nebenher macht. Und dann hat er es eben gemacht – an zwei Tagen. 

André: Ja, Jeff ist natürlich ein Supertyp… Was denkt ihr eigentlich generell über die kanadische Metalszene?

Stephan: Schwierig… Kanada ist aus meiner Sicht immer noch recht überschaubar. [Allgemeines Gegrummel] Klar, Gatekeeper und dann die Klassiker, die man so kennt: Annihilator, Rush… da hört es aber dann schon irgendwie auf. Ich bin kein Experte für kanadische Heavy Metal-Musik, muss ich zugeben. Anvil noch… jetzt müsste ich schon überlegen.

Leon: Da muss ich sofort dazwischenhaken!

Stephan: Leon ist unser Lexikon, der kommt jetzt…

Leon: Exciter, um mal bei den großen Bands anzufangen. Dann hast du neben Gatekeeper natürlich noch alles, was sich in diesem Umfeld bewegt – zum Beispiel Traveler, bei denen das Debüt einfach unglaublich stark war. Um in die etwas kommerziellere Richtung zu gehen: Du hast auch noch Unleash the Archers, bei denen fand ich vor allem das vorletzte Album besonders stark, Apex. Du hattest früher, die sind leider jetzt hinüber, Order of Chaos – eine klassische Heavy Metal-Band mit moderner Produktion und einer Sängerin, extrem stark! Du hast Bands wie Striker. Da gibt es auf jeden Fall eine saustarke Szene, da kommt alle paar Monate irgendetwas Gutes raus. [Leon und André stellen an dieser Stelle fest, dass sie beide am 10. Juli 2018 im wundervollen Bambi in Hamburg waren, um sich von den großartigen Live-Qualitäten der erwähnten Striker zu überzeugen. Für die Chronisten: Davor musizierten noch Booze Control, danach kamen the one and only Visigoth]

Aidan: Man muss ja auch sagen, dass die kanadische Szene sehr engagiert ist, wenn man sich zum Beispiel Smoulder anguckt – die jetzt nach Finnland auswandern… Vielleicht kann man darüber ja ein Konzeptalbum schreiben. [lacht] Was könnt ihr uns generell zum bisherigen Feedback zu eurem Debüt sagen? Gab es dabei Kritikpunkte oder Anregungen, die ihr in der Zukunft berücksichtigen möchtet?

Stephan: Aus meiner Sicht war das manchmal schon ein Auf und Ab. Ab und zu nehme ich mir Kritiken schon sehr zu Herzen, auch wenn man das ja eigentlich nicht tun sollte. Durch die Bank fand ich alles sehr positiv. Es gab ein paar Ausreißer nach unten, ein paar nach oben. Beschweren können wir uns auf jeden Fall nicht. Wenn ich es nun persönlich auf mich beziehe: Manchmal war es schon lustig, dass der Gesang total euphorisch über den grünen Klee gelobt wurde – und bei manchen war das komplett umgekehrt. „Wenn der Gesang nicht wäre, wäre es super…“ Ich war aber sehr überrascht, wie positiv das Feedback war. Wir haben uns auch schon einmal darüber unterhalten, ob wir vielleicht in manchen Ländern nicht so gut ankommen wie in anderen. Ich glaube, Frankreich ist nicht so ganz unser Pflaster…

Leon: Frankreich hat am Ende aber noch ein bisschen aufgeholt!

Stephan: Stimmt, da wurde noch etwas nachgeschoben. Leon kann euch das übrigens alles ganz genau sagen, er hat nämlich eine Excel-Tabelle dazu gemacht – darin ist jede Bewertung enthalten. Er kann euch wahrscheinlich sogar die weltweite Durchschnittsnote sagen.

Leon: Ja, kann ich… Die müsste bei 7,8 liegen, auf einer Zehnerskala. Bei Magazinen, die nicht mit solch einer Skala arbeiten, habe ich nach eigener Einschätzung mit Schulnoten von 1 bis 6 gearbeitet, da liegen wir bei 1,9.

Manchmal war es schon lustig, dass der Gesang total euphorisch über den grünen Klee gelobt wurde – und bei manchen war das komplett umgekehrt.

Stephan über Kritik

André: Ja, Ansgar war bei uns in seinem Review ja auch sehr begeistert. 

Stephan: Von der Kritik nimmt man auf jeden Fall immer ein paar Punkte mit für die nächste Scheibe. Man muss aber auch bedenken, dass wir den Gesang wie gesagt in zwei Tagen eingetütet haben – mit einer Menge Bier und sehr beschränktem Equipment. Wir hatten nur mein Mikro, gar keine High-End-Sachen. Da kann man natürlich auch noch was verbessern. Wir wussten zum damaligen Zeitpunkt auch gar nicht, welche Kreise das alles ziehen würde. Wir ahnten nicht, dass wir einen Deal mit No Remorse eintüten würden und die Platte dann nachher überall verfügbar ist und wir überhaupt so viele Reviews bekommen – das war überhaupt nicht absehbar. Dazu kam bei mir auch noch, dass ich den Gesangsstil für Servants to the Tide sehr angepasst habe. Das ist schon deutlich anders als sonst bei Screaming Souls. Da muss man für die nächste Scheibe mal gucken, an welchen kleinen Stellschrauben man drehen kann, um das Ganze zu verbessern. Auch wenn ich die Scheibe höre, fallen mir immer wieder Parts auf, mit denen ich nicht ganz zufrieden bin. Ich würde aber jetzt bei der nächsten Platte auch nicht alles komplett auf links drehen wollen. Lustig ist übrigens: „North Sea“ hatten wir mal als Rough Mix, den Leon bei sich im Wohnzimmer gemacht hat, bei YouTube hochgeladen – noch bevor es ins Studio ging. Da gab es schon ein bisschen Feedback. Da wurde gemotzt, es wäre doch sehr deutlich zu hören, dass ich Deutscher sei und wie schlecht die Aussprache sei – das hat mich ein bisschen getroffen. Nach der professionelleren Produktion am Ende ist diese Kritik aber kaum noch aufgetaucht. Teilweise wird meine Aussprache jetzt sogar gelobt – darüber war ich sehr überrascht. Alles in allem bin ich jedoch zufrieden und freue mich, dass ich an Servants to the Tide teilhaben darf.

Aidan: Deinen Gesang muss ich auch loben. Das klingt sehr natürlich. Auch bei „North Sea“, gerade am Anfang, die Emotionen wirken sehr authentisch. Daher kann ich diesbezüglich nur beide Daumen nach oben strecken. Ich bin begeistert.

Stephan: Vielen Dank! Das ist ja auch genau das, was wir damit erreichen wollten. Bei manchen ist es angekommen, so wie bei dir, das freut mich sehr – bei manchen halt weniger, aber so ist es…

Leon: Ich möchte dazu ergänzen, dass es auf diesem Planeten nicht einen einzigen Sänger gibt, auf den sich alle einigen können. Es gibt sogar Leute, die finden, dass der Gesang bei Atlantean Kodex Mist ist. Kürzlich sprach ich mit jemanden, der meinte, unser Sänger klinge wie Markus Becker: „Wenn man auf so was steht, passt das. Aber ich finde es grauenvoll.“ Ich meine, es gibt ja sogar Leute, die mögen Bruce Dickinson nicht, die sagen, Maiden hätten niemals Paul Di’Anno kicken dürfen. Daher bin ich auch sehr entspannt, wenn es um negative Kritiken zum Gesang geht. Es klingt für mich genau so, wie es klingen soll. Klar, technisch kann man da noch was machen. Man kann den Gesang besser vorbereiten. Man kann vielleicht mehr layern, man kann bessere Mikros verwenden…

André: Was den Gesang angeht sind wir uns hier in dieser Runde auf jeden Fall alle einig!

Teil 2 folgt in Kürze

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