Review: Teramaze – Sorella Minore

Release: 11.05.2021

Dieses Jahr präsentieren uns die australischen Progmetaller Teramaze ihr 8. Album. Hier kriegen wir einen weiteren Einblick in dieselbe Geschichte, die auch die Grundlage für das Album Her Halo (2015) war.

„Sorella Minore“, das erste Lied und Titellied mit einer beeindruckenden Länge von beinahe 26 Minuten, verdient eine eigene Diskussion. Die Produktion ist ausgezeichnet, relativ poliert, was gut zu Prog Metal, Neoprog und symphonischem Prog passt. Das Stück zeichnet sich durch eine reife Komposition, schöne Melodien, spannende Breaks und Rhythmuswechsel, und nicht zuletzt ausgezeichneten Gesang aus. Besonders Jennifer Borg’s Stimme rührt mich, von ihr hätte ich gerne mehr gehört. Es bekommt dem 26-minütigen Epos, dass es in verschiedene Teile eingeteilt ist. Der Text ist in 9 Kapitel eingeteilt, mit entsprechenden musikalischen Stimmungswechseln. Die Melodie im Refrain ist ein perfekter Anker in der Klanglandschaft des Stücks. Die Gitarrensoli sind getragen, passen gut zur Geschichte und der Gitarrenton ist ausgezeichnet. Die Harmoniemodulation in Kapitel 6 („Reflection“) ist ein Höhepunkt des Stücks. Die härteren, rhythmischen Metalteile bekommen dem Stück sehr, und verleihen willkommene Abwechslung angesichts der Länge. Für meinen Geschmack hat es zu viele Dur-Harmonien, im Metal (und in den meisten Fällen auch in westlicher klassischer Musik) finde ich das ein Unding, gerade bei einem so düsteren Thema wie der Geschichte in Sorella Minore. Abgesehen davon kann ich jedoch musikalisch nur Positives sagen.

Doch nun zum Text. Nach viel Lesen und Stirnrunzeln muss ich dazu etwas sagen. Der Text, besonders in „Sorella Minore“, ist ein riesiges Minus, er strotzt nämlich nur so von toxischen Klischees. Ich habe mir lange überlegt, ob ich dies erwähnen sollte, oder es einfach als eines der vielen leider alltäglichen frauenfeindlichen Erlebnisse einordnen, in die Wut-Sarkasmus-resigniertes Schulterzucken-Schublade legen und mich nicht merkbar darum kümmern sollte. Ich habe mir auch überlegt, wieso es mir gerade hier so auffällt, denn solche Texte sind ja leider keine Seltenheit. Der Grund, dass ich die Problematik in diesem Fall nicht vorbeigehen lasse, ist, dass das Album ganz explizit mit Hinweis auf den Text vermarktet wird. Auf Teramazes Homepage ist zu lesen, dass es bei Sorella Minore um die sagenhafte Geschichte zweier Schwestern geht, und dass das Konzept des vorherigen Albums Her Halo weitergeführt wird. Da kriege ich einen klaren Eindruck, dass Text wichtig ist. Und ich erwarte hoffnungsvoll eine Geschichte zweier starker Protagonistinnen, die der epischen Komposition gerecht wird. Umso bitterer ist die Enttäuschung. Die Tatsache, dass ich auch nach mehrmaligem Durchlesen immer noch nicht sicher bin, ob ich eigentlich verstanden habe, was die Musiker hier kommunizieren wollten, ist nicht das Hauptproblem. Ich kann ohne Probleme respektieren, dass jemand, der komponiert, nicht auch poetisch übermässig begabt sein muss. Hier ist das Problem jedoch das Narrativ, und daran kommt man einfach nicht vorbei. Die eine Schwester ist zu Beginn schon mal tot, was ausser der Feststellung der Tatsache nicht weiter erwähnenswert scheint. Somit kann ich es nicht anders als einen billigen Trick sehen, um zu kommunizieren, dass es hier spannend wird. Das ist wohl kaum die Perspektive der ermordeten Schwester. Als wäre das Femizid-als-billige-Spannung-Klischee nicht genug, ist beinahe das ganze 26-minütige Lied aus der Perspektive – haltet euch fest – des Entführers der überlebenden Schwester geschrieben. Auf Klischee folgt also Klischee. Das meiste ist dabei: die (höchst zweifelhafte) Romantisierung dessen, jemanden in einen Turm einzusperren, ein bisschen Zwangsheirat-Spannung kommt dazu, dann noch ein Hauch Stockholm-Syndrom, und zuletzt wird dann auch die abschliessende Strophe nicht der (geflohenen?) Schwester, sondern dem Entführer gewidmet. Sein Gefühlsleben wird eingehend erforscht; die junge Frau hingegen ist bloss ein Schatten in der Kulisse, ein passiver Spiegel für die Gefühle und Gedanken eines beziehungsgestörten Mannes. Ein Prachtexemplar einer Male gaze-Schilderung. Himpathy ist auch ein Begriff, der hier relevant ist. Sind wir noch nicht weitergekommen? Das nächste Mal könnte man vielleicht einfach über einen männlichen Protagonisten schreiben. Denn wenn Frauen so passiv und unrealistisch wie hier beschrieben werden, lässt man sie besser ganz weg. Oder vielleicht könnten sich die Textautoren ein bisschen weiterbilden? Rebecca Solnit wäre ein empfehlenswerter Anfang. Oder man denke sich z.B. ein musikalisches Epos beruhend auf einem Text Virginia Woolfs…!

Zurück zur Musik. Zusätzlich zu „Sorella Minore“ findet man auf dem Album 3 relativ freistehende Lieder, die sich musikalisch jedoch schön an das epische Titellied anschliessen. „Stone“ ist ruhiger und gleichmässiger als „Sorella Minore“, was ja beinahe so sein muss. Trotzdem beinhaltet das Lied ein sehr schönes, getragenes Gitarrensolo, das einen ein bisschen zum Träumen verleiten kann. In „Take The Shot“ wird mit raschem Tempo und Metalriffing die Spannungsschraube wieder angezogen. Es ist ein willkommener Kontrast zu „Stone“. Im Hintergrund nehme ich eine Synthesizerstimme wahr, die gerne prominenter im Klangbild sein könnte, denn sie ist hypnotisch und passt perfekt zum Gitarrenriff. „Between These Shadows“, das letzte Stück auf dem Album, ist ein Lied im Balladenstil, das mich ein bisschen an Pendragon erinnert. Die Gitarrenphrase und das Solo retten das Lied davor, in die Langweiligkeit abzudriften. Der gekonnt vorgetragene Gesang trägt auch dazu bei, es ist wirklich eine beeindruckende Leistung. Der Gesang ist auf dem ganzen Album einer von mehreren Höhepunkten.

Jetzt sollte hier eine Zusammenfassung und zumindest eine Andeutung eines abschliessenden Urteils stehen. Wie fasst man eine so enorme Diskrepanz zwischen narrativer und musikalischer Qualität zu einem abschliessenden Gedanken zusammen? Ich habe versucht, mir das Album mit bewusstem Fokus auf die Musik anzuhören, und dabei die Texte auszublenden. Die Musik ist episch, gekonnt komponiert, komplex; besonders in „Sorella Minore“ spannt sich ein geradezu lyrischer Bogen über die ganze Länge der Komposition, bei beinahe 26 Minuten Länge ist das keineswegs einfach und darum eine beeindruckende Leistung. Auch die anderen Lieder passen ins Konzept rein, und mit der enorm angenehmen Produktion ist das Album ein Hörgenuss. Rein musikalisch würde ich definitiv eine Kaufempfehlung abgeben, ich habe mir sogar überlegt, inwieweit da ein Potenzial für ein Jahreshighlight besteht. Doch ich komme vom Text nicht weg, gerade weil das Konzept prominent in der Vermarktung des Albums gebraucht wird. Aufgrund des Textes werde ich das Album nicht kaufen, und kann es ehrlich gesagt auch anderen nicht wirklich ans Herz legen. Und hier geht es mir nicht um irgendein Prinzip. Nachdem ich mich mit dem Text auseinandergesetzt habe, berührt mich die Musik schlicht nicht mehr, die epische Stimmung wirkt aufgesetzt, und ich fühle mich beinahe davon hinters Licht geführt. Wenn ich es vermeiden kann, befasse ich mich nur sehr ungern mit den Mythen unserer frauenfeindlichen Gesellschaft in Kunstform. Es ist wirklich faszinierend, wie im Metal eine Subkultur gebildet wurde, welche den Idealen und Strukturen der Mainstreamgesellschaft den Mittelfinger zeigen sollte, und dann Probleme wie Sexismus, Rassismus und Homophobie trotzdem problemlos und relativ widerstandslos ihren Weg in grosse Teile der Subkultur gefunden haben. Doch es ist nie zu spät, dagegen was zu unternehmen. In einer optimalen Welt würde die Band die Kritik zu sich nehmen, sich weiterbilden, und für das nächste Album ein Textuniversum aufbauen, das sich nicht auf die abgelaufenen Klischees toxischer Männlichkeit stützt. Doch in einer optimalen Welt hätten wir vermutlich diese ganzen Probleme nicht. Deswegen mache ich mir nicht gerade grosse Hoffnungen…

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