Review: Lycanthro – Mark of the Wolf

Release: 04.06.2021

Als ich vor einigen Jahren in den Weiten des Internets eher zufällig auf Lycanthros EP Four Horsemen of the Apocalypse (2018) stieß, war ich schon nach einem Durchgang tief beeindruckt. Die junge Truppe um Mastermind James Delbridge setzte sich auf ihrem ersten offiziellen Release nämlich aufgrund ihrer Vielseitigkeit von der Masse ab und schenkte der Heavy Metal-Welt mit „Pale Rider“ obendrein einen knapp 14-minütigen Longtrack, der sich mit den Größen des Genres mühelos messen kann. Allen voran aufgrund zahlreicher personeller Veränderungen mussten die Fans leider drei Jahre auf den ersten Langspieler warten, der unter dem Namen Mark of the Wolf am 4. Juni die Geschichte der Nachwuchshoffnung auf Ottawa, 2014 als Death Wish gegründet, fortschreibt.

Lycanthros Debütalbum enthält acht Tracks, die jedoch nicht allesamt neu sind. Der Opener „Crucible“, „Into Oblivion“ und „Ride the Dragon“ sind bereits im Jahr 2017 auf dem selbstbetitelten Demo der Band erschienen. Die Entscheidung, diese Nummern noch einmal neu in den Wolf Lake Studios in Lac-des-Loups, Quebec, aufzunehmen, ist in meinen Augen goldrichtig, weil sie nun im professionellen Klanggewand erst ihre volle Wirkung entfalten. Letzteres gilt insbesondere für das schon beinahe thrashige „Crucible“, in dem gleich ungemein viel passiert. Es ist eine harte Nummer, die mit kernigem Drumming, mitreißender Gitarrenarbeit und leidenschaftlichen, variablen Vocals überzeugen kann. Hervorzuheben ist der Mittelpart, in dem James sein Talent, Kompositionen eine ordentliche Dosis Dramatik zu verleihen, eindrucksvoll unter Beweis stellt. Alles in allem handelt es sich um eine facettenreiche Abrissbirne, die im Jahr 2021 auf jede Metal-Playlist gehört.

Hiermit habe ich schon einige Trademarks genannt, die auf das gesamte Werk zutreffen. Auch das folgende „Fallen Angels Prayer“ ist nicht zuletzt in puncto Abwechslungsreichtum beachtenswert – der Piano-Part erinnert mich an Meat Loaf und beweist einmal mehr, dass James ein kreativer Vollblutmusiker ist, der weitaus reifer zu Werke geht, als viele es von einem jungen Mann Anfang 20 erwarten würden. Interessant ist es, zwei Songs gegenüberzustellen, die kaum unterschiedlicher sein können: Das vor mehreren Jahren entstandene „In Metal We Trust“ kredenzt uns musikalisch genau das, was uns der Titel verspricht – Metal-Worshipping deluxe, straight und fraglos mit Hit-Qualitäten, live dürften die Fäuste im Publikum allesamt nach oben schnellen. Ich habe jetzt erst einmal Lust auf ein kühlen Pils. Ganz anders ist hingegen der erhaben-theatralische Schlusstrack „Evangelion“, der neueren Datums ist und dank seines ausgeklügelten Songwritings hoffentlich ein Fingerzeig für die Zukunft ist. James stuft ihn im – ausgesprochen informativen – Promozettel folgendermaßen ein: „[T]here’s a few cool synth lines in the song that gives it an epic feel as well as one of the more melodic guitar solos on the album. This song I find has some epic Dio vibes to it reminiscent of tracks from him like «Last in Line» and «Stargazer» from Rainbow. From the get-go, we knew this song would be perfect to close the album on an epic and triumphant note.“ In puncto Epicness ohne Wenn und Aber ein würdiger Nachfolger des oben genannten „Pale Rider“, auch wenn letztgenannter Song in meinen Ohren unerreicht bleibt.

Gibt es auch etwas zu mäkeln? Nicht viel. Man kann darüber diskutieren, ob fünf neue Tracks nach drei Jahren nicht etwas wenig sind – ich kann mir vorstellen, dass sich manche Fans diesbezüglich mehr erhofft haben. Allerdings weist Mark of the Wolf mit gut 43 Minuten eine perfekte Spielzeit auf – und, wie eingangs erwähnt, das klanglich ursprünglich eher dürftige Demo-Material brauchte dringend eine Generalüberholung. Darüber hinaus erreichen nicht alle Kompositionen die herausragende Qualität von „Crucible“ und „Evangelion“, aber weit davon entfernt sind sie auch wieder nicht. Lediglich „Ride the Dragon“, das James laut eigener Aussage bereits vor der Gründung Lycanthros geschrieben hat, zündet bei mir nicht zu 100%. Aber das ist Klagen auf ganz hohem Niveau!

Fazit: Mark of the Wolf ist ein Album, das seine Hörer zweifellos über einen langen Zeitraum fesseln kann. Auch nach mehreren Durchgängen gibt es weiterhin Details zu entdecken, die man zuvor gar nicht bemerkt hat. Wer behauptet, in der Metal-Welt gäbe es heutzutage keine spannenden Talente mehr, ist definitiv ignorant – oder taub. Unabhängig von diesem grundsätzlichen Gedanken: Es würde mich nicht wundern, wenn James – im Übrigen ein riesiger Blind Guardian-Fan – eines Tages eine opulente Rock-Oper kreiert, in welcher er all seine unterschiedlichen Einflüsse ehrt. Wer ihn in den sozialen Medien erlebt, weiß, dass er voller Tatendrang steckt – mal sehen, wohin sein Weg führt. Hoffentlich, in absehbarer Zeit, mit seinen drei neuen Kollegen erst einmal auf eine europäische Konzertbühne!

Performance: 80%
Songwriting: 85%
Creativity: 85%
Variety: 85%
Entertainment: 90%
Overall: 85%

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