Review: Witchfynde – Give ‘Em Hell

Release: 30.07.2021

Am 30. Juli geben High Roller Records/Soulfood eine von Patrick W. Engel (Temple of Disharmony) remasterte Version von Witchfyndes Give ‘Em Hell (Erstausgabe 1980) heraus. Weder die Band noch das Album braucht man wohl der hiesigen Leserschaft gross vorzustellen, deswegen tauche ich gleich in die Details ab.

Sowohl musikalisch als auch textmässig ist Give ‘Em Hell so richtig klassischer Heavy Metal – man merkt mit anderen Worten, dass die Band schon seit 1974 existierte, und somit der NWOBHM etwas zuvorkam. In den meisten Aspekten orientiert sich das Album am Ursprung des Genres: der Arbeiterhintergrund ist da, musikalisch wird teils monotone Schwermaschinerie emuliert. Das erste Lied, „Ready to Roll“, ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Der treibende Rhythmus erinnert an das Stampfen eines Dampfzuges oder eben an eine Fabrikmaschine, und die gewagte Monotonie, bei der während des Gitarrensolos auf dem gut hörbaren Bass eine (!) Note in Achteln wiederholt wird, kreiert einen gelungenen Kontrast zur Melodiösität der Gitarrenstimme. Die progressiven Elemente sind ein anderes klassisches Element, das schon bei Black Sabbath unabdingbar war. Ich finde es absolut löblich, dass Witchfynde gerade diesen Aspekt der Heavy Metal-Tradition weiterführten. Auf Give ‘Em Hell zeigt die Band ihre progressive Seite zum Vollen auf „Unto the Ages of the Ages“, einem beinahe 9-minütigen Prachtwerk, bei dem der Einfluss von Rush klar zu hören ist. Die Mischung dieser progressiven Songs mit den kraftstrotzenden, stampfenden, kürzeren, mehr Heavy Metal-orientierten Stücken macht für ein sehr gelungenes Album. Ganz im Sinne der Gründer, jedoch mit neuen, eigenen Nuancen befasst sich die Band auch mit okkulten Themata als Kritik der etablierten Gesellschaftsordnung, wie bspw. auf „Leaving Nadir“ oder dem erwähnten, genialen „Unto the Ages of the Ages“. Auch dies ist ein willkommener Beitrag zu einer erhaltenswerten Tradition.

Leider schliesst sich Witchfynde auf diesem Album auch einer anderen, bei Weitem weniger erhaltenswerten Tradition an: sie machen den vorhersehbaren Fehler, gesellschaftskritisch zu sein, und dann trotzdem sexistischen Blödsinn rauszuhauen, als bestände da überhaupt kein Widerspruch. Auch okkulte Tendenzen werden gesellschaftskritisch verwendet, doch die Assoziation von Frauen mit teuflischen Machenschaften (welche nicht Teil des Okkulten, sondern dessen Protestgegenstandes sind) wird unkritisch reproduziert. Beim ersten Kommentar geht es natürlich um „Pay Now – Love Later“. Mehr ist zu dem Lied eigentlich nicht zu sagen, denn musikalisch ist es unterdurchsnittlich kreativ und überdurchschnittlich Klischee-gesättigt und langweilig. Der zweite Kommentar bezieht sich auf das „She is leading us on“-Klischee auf „Leaving Nadir“; so kurz vor dem Ziel eines rundum geglückten Songs tritt die Band doch noch mal entschlossen ins Fettnäpfchen. Es wird echt langsam alt, wie die ganze Frauenfeindlichkeit in Teilen des Heavy Metal bis zum Abwinken reproduziert wird. Seufz. Ich meine, Satan und Black Sabbath wussten das Problem grösstenteils zu vermeiden, es war also auch in den 70-ern möglich.

Zurück zum Musikalischen: im Gegensatz zur Erstausgabe kriegen wir hier mit „Tetelestai“ und „Wake up Screaming“ zwei extra Songs geboten, und dazu noch ein kleines Intermezzo, „The Devil’s Gallop“. Interessanterweise hat das Wort Tetelestai, (alt-?) Griechisch für „es ist vollendet“, biblische Konnotationen. Musikalisch gesehen ist die erste Hälfte durchaus erbaulich, was Anlass zur Vermutung gibt, dass man sich hier einer vollendeten Tat erfreut. Die zweite Hälfte ist von progressiven Gitarrensoli und Stimmungswechseln geprägt, die wie auf „Unto the Ages of the Ages“ sehr an Rush erinnern. Das nächste und letzte Lied, „Waking Up Screaming“, ist dann wieder ganz klassischer Old School Heavy Metal. Der treibende Grundrhythmus, die Gitarren-Leads, und der Horror-inspirierte Text veranlassen mich zu folgender Interpretation: Die Idee der Vollendung war ein Traum, man wacht schreiend auf und weiss, dass der Stand der Dinge nicht so positiv ist, wie man es geträumt hat – und wie es einem die Mainstream-Gesellschaft weismachen will. Dies vollendet gekonnt den Bogen zurück zum Anfang des Albums und des Genres: ein düsterer Protest gegen den Nachkriegsoptimismus. So gesehen finde ich die Konstellation der letzten zwei Lieder ausgezeichnet.

Bei einer remasterten Version ist natürlich die Frage, wie hört sich die Scheibe im Vergleich zu schon erhältlichen Versionen an? Ich verglich die hier besprochene Version mit Lemon Recordings’ CD-Ausgabe von 2004. Die HRR-Version hat – falls ich durch mehrfaches Hin- und Herschalten nicht einfach das Differenzierungsvermögen verloren habe – einen ein bisschen stärkeren Fokus auf die Diskantlagen. Die Lemon-Version, von der ich nicht sehen kann, dass sie remastert wurde, ist so gesehen ein bisschen runder, die HRR-Version ein bisschen schärfer. Ich gestehe ehrlich ein, dass ich keinen Blindtest gemacht habe. Wie dem auch sei, der Unterschied ist sehr klein, und vielleicht eher ein Diskussionsthema für speziell Interessierte als eine Qualitätsfrage. Die HRR-Version kann ich deswegen jenen empfehlen, die nicht schon die Lemon-Version haben. Oder jenen, die eine CD haben und gerne auch die LP haben möchten.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass Witchfynde sich auf Give ‘Em Hell meist von einer sehr positiven Seite zeigen. Die Songs sind kreativ und abwechslungsreich (abgesehen vom einen, erwähnten Absturz), und mit teils griffigen, teils epischen Gitarrensoli passend ergänzt. Die Mischung aus klassischem Heavy Metal und progressiven Einschlägen funktioniert ausgezeichnet. Ich überlege mir gerade, ob die Band mit einer Zielsetzung von längeren Liedern (hier denke ich an die 3-4-Minüter) sich zu noch mehr kreativen Höhenflügen veranlassen können hätte, und dadurch gewisse Klischees hätte vermeiden können. Denn die längeren Songs sind klare Höhepunkte des Albums. Die Rush-Inspiration und die okkulten Einflüsse sind ganz klar eine vielversprechende Kombination. Grösstenteils macht das Album Spass. Hätte man „Pay Now – Love Later“ auf den Schrotthaufen der (Musik-) Geschichte geschmissen, wäre Give ‘Em Hell durchgehend stark. Dann wäre auch der Übergang von „Unto the Ages of the Ages“ zum „The Devil’s Gallop“-Intermezzo und weiter zu den letzten zwei Liedern perfekt.

Performance: 78%
Songwriting: 69% (Höhepunkte wie „Unto the Ages of the Ages“ verdienen 90%, und das wird dann durch max. 20% für „Pay Now – Love Later“ heruntergezogen; rein intuitiv würde ich dem Songwriting fürs ganze Album gesehen 75-80% geben, weil die Songs wirklich gut sind, abgesehen vom einen Schandfleck der Enttäuschung)
Creativity: 66%
Variety: 83%
Entertainment: 80%

OVERALL: 75%

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