Review: Sweeping Death – Tristesse

Release: 09/09/2021

Nach einer EP und einem Album stellen uns die Prog-Metaller Sweeping Death nun mit Tristesse eine weitere EP vor. Das Konzept ist tief durchdacht, mit Referenzen zu Teilen von Arthur Schopenhauers Philosophie – so die Liedtitel „The World as Will“ und „Sublime Me“. Auch der Albumtitel ist Schopenhauer nicht fremd, Wortspiel inbegriffen.

Da beim Material, das mir vorliegt, keine Texte dabei sind, taste ich hier was die textlichen Zusammenhänge betrifft, ein bisschen im Dunkeln, oder auf jeden Fall in der Dämmerung herum. Doch vielleicht ist das auch ganz interessant, da kann man gleich mal testen, wie genau die Assoziationen zutreffen, welche die Band mit Musik und Songtitel schaffen will – falls dies das Ziel war.

Beim ersten Song, „The World as Will“ geht es also darum, dass in unserem Inneren dieselben Prozesse vorgehen wie im ganzen Universum. Durch Introspektion und Einsicht in unseren Kern kann deshalb das ganze Universum verstanden werden, so Schopenhauer.

Musikalisch geschieht in diesem Lied viel Interessantes, wie es in progressiven Genres auch sein sollte. Die Produktion ist enorm behaglich. Die Schlagzeugrhythmen sind ansprechend, besonders die Beckeneinschläge. Man kriegt souveräne Soli geboten, bei denen unter anderem eine Geigenstimme (Synth-Geige nehme ich an) eine überraschende Abwechslung bietet. Die Wellendynamik zwischen kraftvollen und ruhigen Teilen funktioniert ausgezeichnet, hier kann ich mir die verschiedenen Stadien der Introspektion und Betrachtungen des Universums vorstellen. Besondere Auszeichnung verdient der Spannungsbogen nach dem ruhigen Teil mit der Geigenmelodie. Der Gitarrenton ist eine pure Freude, da kann man einfach die Augen schliessen und geniessen. Und gegen Ende des Songs wird man sogar noch mit einer Klaviermelodie verwöhnt, was kann man sich mehr wünschen? Ein zusätzlicher Pluspunkt ist der nahtlose Übergang zwischen „The World as Will“ und „Alter the Rift“, bei dem im Outro des ersten Liedes mit akustischer Gitarre das erste, chromatische Hauptmotiv des darauffolgenden Songs angedeutet wird. Meisterlich.

Durch den gekonnten Übergang ist man bei „Alter the Rift“ schon gleich zu Beginn voll dabei. Die Klavierharmonien sind gekonnt gewählt, ich kriege Assoziationen zu offenen Fragen und teilweisen Antworten, die jedoch zu weiteren Fragen führen. Der neuhinzugefügte, heftige Rhythmus, der den zuvor angedeuteten chromatischen Lauf begleitet, passt perfekt zum Spannungsbogen. Der Wert geschickt eingebauter Chromatik wird oft unterschätzt, die Band macht sich dessen jedoch nicht schuldig. Die Variation des chromatischen Motivs später im Lied fügt zum Hörgenuss bloss hinzu. Hier kriegen wir zudem eine Schrei, der Jon Oliva nahe kommt, geboten, Hut ab! Generell ist die Sangstimme stark, sie erinnert mich an Tim Owens und ein bisschen an Jörn Lande.

Bei „Sublime Me“ geht es, sollte man sich an Schopenhauer orientieren, um transzendentale Momente, in denen man sich als Mensch gegenüber des grenzenlosen Universums winzig klein fühlt. Musikalisch ist hier die Stimmung eindringlicher, das Lied jedoch ruhiger, eine Kombination, die äussert gut zum philosophischen Thema des Songs passt.

Obwohl der Kompositionsstil anders ist, erinnern die Harmonien sowohl in Ton als auch Intensität an Primordial. Bei den Gitarrensoli, die von einer gekonnt aufgebauten Begleitung unterstützt werden, kriege ich Assoziationen zur Zerbrechlichkeit einer Seele. Der darauffolgende Gesang geht gerade aufgrund des Übergangs durch Mark und Bein und ruft in meinen Gedanken den existentiellen Schmerz einer Person, die sich einen endlosen Sternenhimmel oder das tiefe Nichts des äusseren Weltraums anschaut, und sich dabei völlig nichtig fühlt, hervor.

Es ist länger her, seit mich mir zuvor unbekannte Musik so tief beeindruckt hat. Für Tristesse gebührt der Band grosses Lob. Gekonnte Produktion, ausgezeichnete Kompositionen und überhaupt musikalische Tiefe. Ein wahrer Genuss. Angesichts dessen, dass die kreative Qualität von der ersten EP über das Album bis hin zu Tristesse gewaltig gewachsen ist, warte ich gespannt auf den nächsten kreativen Höhenflug – die Idee, für das Artwork der aktuellen EP neue Leute zu beauftragen war übrigens eine kluge Entscheidung.

Abschliessend kann ich Tristesse, und überhaupt Sweeping Deaths neuere Veröffentlichungen nur empfehlen. In Norwegen haben wir für solche Fälle eine passende Redewendung, løp og kjøp: Lauft und kauft! Der Reim lässt sich auf jeden Fall übersetzen, doch ihr versteht, was ich meine. Sweeping Death, ich tippe anerkennend an meine Hutkante.

Performance: 92%
Songwriting: 97%
Creativity: 92%
Variety: 87%
Entertainment: 90%

Overall: 92%

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