Interview: B.S.T.

Während ich diese Zeilen tippe, schneit es draußen heftig, ja, so was passiert sogar mal in Dortmund – das ideale Wetter, um sich doomigen Klängen zu widmen, die Herz und Seele wärmen. Das machen wir heute auf unserem Blog mit dem Hamburger Quartett B.S.T., das uns mit seiner letzten Platte Herbst und erst kürzlich mit seinem Auftritt beim Hammer of Doom-Festival in Würzburg begeistern konnte. Rede und Antwort stand uns Drummer Jan Galinski. Viel Spaß beim Lesen!

(Live-Foto und -Video vom Hammer of Doom stammen von Aidan)

André: Moin, wie geht es euch? Seid ihr nach dem Hammer of Doom wieder gut im Norden angekommen?

Jan: Ja, danke. Wir sind alle ein bisschen platt, war ein tolles Festival, aber in Summe mit dem Doom over Vienna die Woche vorher ganz schön hart. Wir hatten das Glück, dass Freunde unser Equipment im Auto mitgenommen haben und wir ganz entspannt im ICE zurück sind, insofern: alles gut, keine Verluste.

André: Das ist erfreulich! Bleiben wir gedanklich in Würzburg: Wie habt ihr das Festival erlebt? Wir waren am Samstag natürlich extra pünktlich in der Halle, um euren Auftritt zu sehen. Und ich hatte den Eindruck, dass ihr durchaus Spaß hattet – trotz der frühen Uhrzeit.

Jan: Wir waren extrem beeindruckt. Wir hatten gehofft, dass, insbesondere in der Doom-Szene, wir als Opener ein paar Menschen in die Halle locken können, aber dass es so gut besucht ist und wir so viel positives Feedback im Nachgang bekommen, hatten wir nicht erwartet.

André: Ihr habt euch ja noch ein paar Bands als Zuschauer vor der Bühne angesehen. Wer hat euch am besten gefallen?

Jan: Besonders gefreut haben wir uns natürlich über das Hamburger „Klassentreffen“ mit Fvneral Fvkk, schade, dass wir Ophis am Freitag nicht auch sehen konnten. Auch Wheel und Thronehammer, mit denen wir in den letzten Monaten zusammen gespielt haben, waren fantastisch. Mein persönliches Highlight waren, wieder einmal, Spiritus Mortis.

André: Mein Kollege Aidan ist an sich ein ganz guter Typ, aber eine Sache mag er im Gegensatz zu mir nicht so: Astra. Waren die Franken sehr schockiert, als ihr eine Astra-Dose auf der Bühne präsentiert habt?

Jan: Oh, das war erstaunlicherweise überhaupt kein Thema. Das Würzburger Pilsener war ganz ok, führte aber auch zu erheblichem Schädel am Sonntag … das ist mit Astra anders. Aber wir haben schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass es südlich von Hannover als „Plörre“ bezeichnet wird.

André: Völlig unverständlich… Eure Musik ist ja enorm emotional, was meines Erachtens auch an den deutschen Texten liegt, die einen Muttersprachler noch mehr berühren. Habt ihr trotzdem in eurer Karriere oft die Frage gestellt bekommen, warum ihr nicht alle Nummern auf Englisch singt?

Jan: Nein, eigentlich nicht. Es ist schon so, dass es vieles nicht leichter macht und es gibt auch offen Ansagen, dass Leute uns nicht hören, weil sie mit deutschen Texten nicht klar kommen. Aber dann ist das eben so, und die fragen dann auch nicht, ob wir nicht lieber auf Englisch singen würden. Wir haben uns das dagegen schon häufiger gefragt. Wir sind dadurch ja schon ziemlich auf den DACH-Bereich festgelegt und es wäre schon spannend, ob international mehr ginge, wenn …

André: Euer letztes Album Herbst ist seit 2 Monaten draußen. Wie ist bis jetzt das Feedback ausgefallen? Und lest ihr eigentlich regelmäßig Reviews?

Jan: Ja, das müssen wir zugeben, wir lesen alle Reviews, die wir in die Finger kriegen, da sind wir dann doch ziemlich eitel. Und erfreulicherweise waren bisher auch alle mindestens wohlwollend, eher begeistert. Leider ist durch persönliche Probleme unseres Label-Chefs die geplante Promo-Aktion auf den Release-Tag hin ins Wasser gefallen, so dass wir jetzt mit Verzögerung hoffen, noch in einigen Magazinen und Blogs Erwähnung zu finden, aber insgesamt läuft es ganz gut an.

André: Wann habt ihr die ersten Songs für das Album geschrieben? Und hat euch die Pandemie bei dem ganzen Prozess sehr im Weg gestanden?

Jan: Heiko schreibt ja bei uns die Riffs und meistens greifen wir bei neuen Songs auf Fragmente und Strukturen zurück, die wir bereits Monate oder Jahre vorher schon mal angezockt und mitgeschnitten haben. Insofern ist es schwierig, ein genaues Datum dran zu packen. Ich denke, es war der Opener „Nur ein Tag im Leben“ und es wird so Anfang/Mitte 2019 gewesen sein. Die Pandemie stand uns dabei extrem im Weg. Zum einen sind wir alles keine Theoretiker, sondern müssen uns Arrangements und Songs erarbeiten. Zum anderen ist es wichtig, im Proberaum zu experimentieren, ein oder zwei Bier zu trinken, Spielfehler zu machen, aus denen sich dann Übergänge und Breaks ergeben … das lässt sich durch das Internet nicht ersetzen.

André: Was unterscheidet Herbst eurer Meinung nach von euren vorherigen Releases?

Jan: Besonders spannend war diesmal, dass wir durch Corona so gut wie keine Gelegenheit hatten, neues Material live zu testen. Das war früher immer sehr wichtig, da wurde dann im Nachhinein noch an Sachen gefeilt und irgendwann sind wir ins Studio. Bei Herbst haben wir alles „trocken“ entwickelt. Das Album ist dadurch eher „aus einem Guss“ komponiert. Stärken der Vorgänger-Alben, wie Jans Melodien und Heikos Clean-Gesang, haben wir intensiv herausgearbeitet. Aber mangels Live-Resonanz blieb es bis zum ersten Pre-Listening mit Publikum auf dem Headbangers Open Air sehr spannend.

André: Welche Bands würdet ihr grundsätzlich als eure wichtigsten Einflüsse bezeichnen?

Jan: Ich denke, es wird wenig überraschen: Wir sind Kinder des frühen 90er-Dooms. Das war im Doom Metal eine fantastische Zeit und Klassiker wie My Dying Bride, Paradise Lost und vor allem Crowbar haben uns nachhaltig beeinflusst.

André: Nun gibt es euch schon fast 30 Jahre. Was waren in all dieser Zeit eure schönsten bzw. prägendsten Erlebnisse?

Jan: Wir haben das liebgewonnene „Unter Freunden“-Projekt B.S.T., seit Jan Zwo (Jan Rudßuck, Lead-Gitarre) 2009 dazu stieß, „professionalisiert“ (wenn man das so sagen kann) , insofern blicken wir zwar auf 3 Dekaden zurück, die letzten 15 Jahre waren jedoch die prägenden. Es war schön zu sehen, dass beharrliches Arbeiten, Vernetzen und Weiterentwickeln sich auszahlt, das waren wir in der ersten Hälfte unserer „Karriere“ nicht gewohnt. Die inzwischen zahlreichen Support-Gigs mit Helden unserer Jugend wie The Skull oder Pentagram, die jüngsten Teilnahmen an den wichtigsten Festivals der Szene in Würzburg und Wien sowie natürlich die als 18-jähriges Metal-Kid nie erwartete 9-Punkte Review für Unter Deck im Deaf Forever waren die bisherigen Highlights. Oder der unvergessene Moment, als wir geschlossen um 22 h vorm Radio saßen, weil B.S.T. zum ersten Mal „Airplay“ hatte…Fantastisch sind die zum Teil intensiven Freundschaften, die durch die gemeinsamen Live-Aktivitäten, das so genannte „Mind-Set“ und die gemeinsame Begeisterung für die Musik entstanden. Freundschaften mit Bands wie Apostle of Solitude (USA), Doomocracy (Griechenland), Wheel, Crimson Oak (Hessen), … oder mit Journalisten und Radio-Machern wie Bernhard „Doomchild“ vom Seeds of Doom Radio oder Andreas Stappert vom Deaf Forever. Das hätten wir vor 15/20 Jahren so nicht erwartet, das ist cool, vielen Dank! Abseits des musikalischen Erfolgs sind jedoch die Momente, wo wir nach langem Hin und Her endlich die finale Struktur eines 12-Minuten-Songs im Proberaum am White-Board fixieren oder nach einer intensiven Diskussion und Abwägung aller Pro- und Contras gegensätzliche Positionen in der Band in den Griff bekommen und vorwärts gehen die für uns als Freunde und Band wichtigsten Momente. Wir sind eng zusammengewachsen und manchmal ist ein gemeinsames Astra nach einer harten Woche schöner und prägender als eine ausverkaufte Show.

André: Das Jahr 2022 neigt sich ja so langsam dem Ende entgegen. Könnt ihr unseren Lesern ein paar eurer Lieblingsalben nennen?

Jan: Man könnte ja eigentlich meinen, dass „langsame Musik, getuned in C“ sich langsam mal abnutzt, aber auch 2022 war wieder ein wahnsinnig spannendes Jahr für den Doom Metal. Wir veröffentlichen jedes Jahr zu Silvester unsere persönlichen Top-5 des Jahres, insofern will ich dem hier nicht vorgreifen. Aber das Death-Doom-Comeback-Album von Enchantment, deren letztes Album 1993 erschien, ist sicherlich ein Gewinn. Las Cruces hat ein sensationelles Classic-Doom-Album rausgebracht, Undertow und Crowbar haben mit Bipolar und Zero and Below sehr solide im Doom-Up-Tempo gewildert. Darüber hinaus haben uns Arð und Spiritus Mortis schwer beschäftigt. Unsere Freunde von Doomocracy haben mit Unorthodox einen extrem coolen (aber auch sperrigen) Brocken released. Und sicherlich habe ich hier noch einige erwähnenswerte Alben vergessen. Es macht große Freude, zu sehen, wie aktiv und kreativ die Szene wieder gewesen ist und ich habe große Erwartungen an 2023.

André: Habt ihr darüber hinaus noch einen doomigen Geheimtipp für unsere Leser?

Jan: Schwierig. Wer in der Szene aktiv ist, kennt wahrscheinlich alle bisher genannten, geradezu offensichtlichen Favoriten. „Geheimtipp“, wenn man das so nennen kann: Pilgrimage mit der Sigil of the Pilgrim Sun – spielten auf dem Doom over Vienna direkt vor uns, sollten unbedingt bekannter sein. Dasselbe gilt für Crimson Oak. Reinhören!

André: Blicken wir in die Zukunft: Was ist für das Jahr 2023 geplant?

Jan: Schwierig. 2022 war wahnsinnig intensiv. Studio, CD-Release, Festivals … kaum zu toppen. Ich gehe davon aus, dass wir die LP-Version von Herbst released kriegen, das ist uns wichtig. Und ansonsten „opportunitätsgetrieben“ … schauen, was kommt. Es läuft … kann so weiter laufen. Wenn nicht … Songs schreiben.

André: Letzte Frage: Schafft der FC St. Pauli den Klassenerhalt in der 2. Liga?

Jan: Es bleibt ja unter uns … trotz der streckenweise düsteren und negativen Musik, die wir machen, bin und bleibe ich ein positiver Mensch. Ich gehe so lange davon aus, dass wir es packen, bis das Gegenteil bewiesen ist. Nützt ja nix. Also: JA. Natürlich. Was denn sonst?

André: Ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen! Danke dir für das Gespräch, grüße die anderen herzlich von uns – und wir sehen uns 2023 hoffentlich wieder live.

B.S.T. – Ride On (Live auf dem Hammer of Doom 2022)
B.S.T. auf Bandcamp.

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