Classic Review: Hel – Das Atmen der Erde

Release: 07/04/2012

English version below

Herrscher, Gebieter der Maschinen
Allein Eure Sterblichkeit steht Euch im Wege
Und doch wird das Atmen der Erde
Eure Gebeine verwehen

Es gibt Alben, bei denen weiß man schon nach wenigen Sekunden, dass man sie sein ganzes Leben lang lieben wird. So erging es mir bei Hels Das Atmen der Erde, das vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickte. Die sehnsuchtsvollen Gitarren im majestätischen Opener „Wo die Tannen thronen“ entführen den Hörer gleich in eine wundervolle, geheimnisvolle Welt, die man am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte. Wer seinem Drang nach Eskapismus nachgeben möchte, ist hier genau richtig.

Dieses Pagan Black Metal-Album aus Deutschland ist ein Kniefall. Ein Kniefall vor dem größten Zauber, den dieser Planet zu bieten hat: Die Natur. Menschengemachte Irrwege wie Religionen oder Weltanschauungen, die in erster Linie die Massen binden, zerfallen im direkten Vergleich damit zu Staub. Hier geht es um die Magie der Wälder, die Unergründlichkeit der Ozeane und die Lieder des Windes, die jeder wahrnimmt, der aufmerksam zuhört.

Die Klasse der Musiker wird nur von deren Leidenschaft übertroffen, die in jeder Sekunde spürbar ist. Man könnte sogar soweit gehen und sagen, dass man von dieser Leidenschaft nahezu überwältigt wird. Heutzutage gibt es auch in unserer Szene so viele Redundanzen und Nichtigkeiten, so viel Berechnung, dass man es gar nicht mehr gewohnt ist, mit solch eindringlicher Kunst konfrontiert zu werden. Valdr (Gitarre), Skaldir (Gesang, Gitarre, Keyboards) und Hamar (Bass, Gesang) gestatten uns einen tiefen Blick in ihre Seelen – eine Grundvoraussetzung, um solch ein strahlendes Monument erschaffen zu können.

Und dabei ist Das Atmen der Erde gar nicht sperrig – im Gegenteil. Es ist vielschichtig, aber erstaunlich eingängig. Wie bereits eingangs erwähnt ist die Gitarrenarbeit zum Niederknien – die Melodien, die die Musiker aus ihren Instrumenten zaubern, gehen mitten ins Herz und kommen, in Kombination mit dem dominierenden, hellen Klargesang, einer transzendentalen Erfahrung gleich. Und spätestens an dieser Stelle ist auf einen Künstler zu verweisen, der es wie kein anderer verstand, Songs zu schreiben, die den Hörer schweben lassen: Quorthon! Hel sind mitnichten ein Bathory-Klon, dafür sind sie viel zu eigenständig. Aber die Deutschen sind fähig, den umwerfenden Bathory-Spirit – allen voran auf Alben wie Hammerheart, Twilight of the Gods und Blood on Ice anzutreffen – wiederaufleben zu lassen. Nahezu alle Musiker, die dies in den zurückliegenden Dekaden probierten, sind daran jämmerlich gescheitert, aber Hel sind diesbezüglich – wie auch Falkenbach oder Crom – eine Ausnahme. Vermutlich liegt es daran, dass auf Das Atmen der Erde jede Note echt und vollkommen authentisch ist. Hier sind Seelenverwandte des großen Schweden am Werke! Wer es nicht glauben mag, höre sich nur exemplarisch „Wanderer im Nebelmeer“ an – da wähnt man sich wahrhaftig an „The Lake“.

Einzelne Kompositionen herauszugreifen, verbietet sich, da dieses Album ein über 65-minütiges Gesamtkunstwerk ist. Auf der lyrischen Ebene ist sicherlich der Quasi-Titeltrack „Eroberer“ hervorzuheben, der als Abrechnung mit dem heutigen Zeitgeist interpretiert werden kann: Die Hybris der Menschen zerstört den oben erwähnten Zauber unseres Planeten – und damit die Grundlagen unseres Lebens („Ihr werdet fallen!“, wie es zu Beginn des Songs heißt). Dieser Text sagt wohl alles aus, wofür Hel während ihres gesamten Schaffens zwischen 1994 und 2012 im Kern standen. Es ist immer wieder schön, mit Bands zu tun zu haben, die wirklich etwas zu sagen haben. Nur wenigen gelingt es, dies so poetisch, in deutscher Sprache, zu tun.

Fazit: Hel schenkten uns vor zehn Jahren ein episches, mächtiges, überlebensgroßes Album, das für mich zu den besten Releases des laufenden Jahrtausends zählt. Gäbe es Atlantean Kodex nicht, würde ich ohne eine Sekunde zu zögern sogar behaupten, dass Das Atmen der Erde das beste deutsche Metal-Album aller Zeiten ist. Als bestes deutschsprachiges Werk geht es ohne Wenn und Aber in die Annalen ein! Es ist jammerschade, dass es gleichzeitig das Abschiedswerk dieser so talentierten Formation war. Vielleicht war es aber auch gerade deshalb so intensiv und tiefschürfend. Erfreulicherweise gibt es mit Ash of Ashes eine Band, in der Skaldir den Geist von Hel weiterleben lässt. In einigen Wochen gibt es mit Traces deren zweites Studioalbum zu bestaunen. Das solltet ihr euch definitiv nicht entgehen lassen – wie der Vorabtrack „Into Eternity“ eindrucksvoll zeigt. Die Erde atmet noch…

Performance: 100%
Songwriting: 100%
Creativity: 100%
Variety: 100%
Entertainment: 100%
OVERALL: 100%

Herrscher, Gebieter der Maschinen
Allein Eure Sterblichkeit steht Euch im Wege
Und doch wird das Atmen der Erde
Eure Gebeine verwehen

There are albums where you know after just a few seconds that you will love them for the rest of your life. That’s what happened to me with Hel’s Das Atmen der Erde (engl.: The Breathing of the Earth), which saw the light of day ten years ago. The longing guitars in the majestic opener “Wo die Tannen thronen“ immediately take the listener into a wonderful, mysterious world that one would prefer not to leave. If you want to give in to your urge for escapism, this is exactly the right album for you.

This Pagan Black Metal album from Germany is a genuflection. A genuflection to the greatest magic this planet has to offer: Nature. Man-made aberrations like religions or world views, which primarily bind the masses, crumble to dust in direct comparison with this. This is about the magic of the forests, the unfathomability of the oceans and the songs of the wind that everyone who listens attentively can perceive.

The class of the musicians is only surpassed by their passion, which is apparent in every second. One could even go so far as to say that one is almost overwhelmed by this passion. Nowadays, even in our scene, there are so many redundancies and trivialities, so much calculation, that one is no longer used to being confronted with such forceful art. Valdr (guitar), Skaldir (vocals, guitar, keyboards) and Hamar (bass, vocals) allow us a deep look into their souls – a basic condition to be able to create such a shining monument.

And yet Das Atmen der Erde is not unwieldy at all – on the contrary. It is multi-layered, but surprisingly catchy. As already mentioned at the beginning, the guitar work is to die for – the melodies that the musicians conjure from their instruments go right to the heart and, in combination with the dominating clear vocals, come close to a transcendental experience. And at this point, at the latest, reference must be made to an artist who understood like no other how to write songs that make the listener float: Quorthon! Hel are by no means a Bathory clone, they are far too independent for that. But the Germans are capable of reviving the mind-blowing Bathory spirit – most notably found on albums like Hammerheart, Twilight of the Gods and Blood on Ice. Almost all musicians who have tried this in the past decades have failed miserably, but Hel are an exception in this respect – as are Falkenbach and Crom. Probably it’s because on Das Atmen der Erde every note is genuine and completely authentic. Soulmates of the great Swede are at work here! If you don’t believe it, just listen to “Wanderer im Nebelmeer“ as an example – you really feel like you’re at “The Lake“.

It is impossible to single out individual compositions, as this album is a complete work of art lasting over 65 minutes. On the lyrical level, the quasi-title track “Eroberer“, which can be interpreted as a reckoning with today’s zeitgeist, should certainly be highlighted: The hubris of mankind is destroying the aforementioned magic of our planet – and thus the foundations of our lives (“You will fall!“ as it says at the beginning of the song). This lyric probably says everything Hel stood for at its core during their entire creative output between 1994 and 2012. It’s always nice to be around bands that really have something to say. Only a few succeed in doing this so poetically, in German.

Conclusion: Ten years ago, Hel gave us an epic, powerful, larger-than-life album, which for me is one of the best releases of the current millennium. If Atlantean Kodex didn’t exist, I would even claim without a second’s hesitation that Das Atmen der Erde is the best German metal album of all time. It goes down in the annals as the best German-language work without any ifs and buts! It is a pity that it was also the farewell album of this so talented formation. But maybe that’s why it was so intense and profound. Fortunately, with Ash of Ashes there is a band in which Skaldir lets the spirit of Hel live on. In a few weeks, you can marvel at their second studio album, Traces. You definitely shouldn’t miss it – as the preview track “Into Eternity“ impressively shows. The earth is still breathing…

Support Ash of Ashes.

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