Review: Angel Martyr – Nothing Louder Than Silence

Release: 2021/02/26

Während sich heutzutage die populäre Musik und der Mainstream dadurch auszeichnen, dass man schnell möglichst viel konsumieren kann, ohne sich groß mit der Materie auseinanderzusetzen, ist dies in so leidenschaftlichen Subgenres wie dem Epic Metal grundsätzlich anders. Man versucht neue Welten zu schaffen, Geschichten zu erzählen, auf den Kern seiner Gedanken und Emotionen zu stoßen, was oftmals dazu führt, dass man seiner Fantasie freien Lauf lässt, mal etwas Neues ausprobiert und sich nur von seiner Leidenschaft leiten lässt. Als Hörer erlangt man die größte Satisfaktion, wenn man sich auf die Musik einlässt, wenn man versucht, sich in den Künstler hineinzuversetzen und sich mit dessen Werk auseinandersetzt. Aus diesem Grund reicht es in unserem Lieblingsgenre oftmals nicht aus, sich nach einfachem Hören zufriedenzugeben. Bei Angel Martyr war das jedoch völlig anders. Die Platte hat mich bereits nach dem ersten Hören abgeholt, obwohl ich sie bis dato noch gar nicht auf dem Schirm hatte.

Ursprünglich begann die Reise 2006 auch unter einem anderen Namen: Wraith’Sing. Gegründet von Sänger und Gitarrist Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli (Etrusgrave, Cursed Guard) und Bassist Tiziano „Atreiu“ Cosci (Ormgarth, welche früher Imperium hießen), bemerkte man allerdings schon recht früh, dass die musikalischen Vorstellungen einfach zu unterschiedlich waren. Es dauerte vier Jahre, bis sich beide wieder zusammentaten und Angel Martyr zum Leben erweckt wurde. Der Name kommt dabei vom ersten Song, den sie schrieben und steht laut eigener Angabe für das, was den Geist eines wahren, leidenschaftlichen Metalheads ausmacht und ihn/sie trotz gesellschaftlichen Gegenwindes für die eigene Sache weiterkämpfen lässt. Das Line-up sollte sich weiterhin noch nicht gefunden haben. 2012 traf Hammerhead auf einem italienischen Underground Festival auf Dario „Destroyer Rostix“, einem Bassisten, und diesmal stimmte die musikalische Vision! Für die Drums konnte man Francesco Taddei an Bord holen, der zu der Zeit ebenfalls bei Etrusgrave aktiv war und mit diesem Line-up veröffentlichte man erstmals Musik: 2014 das Demo Angel Martyr, 2015 die EP Black Tales – Prelude und 2017 das starke Debütalbum Black Book: Chapter One. Taddei zog allerdings nach England und konnte somit nicht mehr seine ganze Leidenschaft in die Band stecken, weswegen er sich entschied, auszusteigen. Sein Nachfolger ist seit 2018 Niccolò Vanni, der neben Axevyper in mehreren Extreme Metal-Bands aktiv war. Nun also Chapter Two und dieses hört auf den philosophischen Namen Nothing Louder than Silence.

Was erwartet uns denn aber nun musikalisch? Als man Angel Martyr 2010 gründete, hatte man sich zum Ziel gesetzt, flotten, aber auch simplen Heavy Metal klassischer Art zu spielen. Tut mir leid, Angel Martyr, euer Vorhaben ist gescheitert. Das Tempo hält man zwar relativ schnell und auch sonst orientiert man sich klar am klassischen Sound. Jedoch ist der Hang zum Epischen und Leidenschaftlichen unüberhörbar – bei einer durchschnittlichen Songlaufzeit von über sechs Minuten sowie mehreren atmosphärischen Intros von simpel zu sprechen, finde ich persönlich etwas verfehlt. Aber das ist in diesem Fall perfekt! Im Vordergrund steht natürlich Hammerhead. Allen voran sein starker Gesang, der mir im Vergleich zum Vorgänger etwas besser gefällt. Meiner Meinung nach klingt er auf dieser Platte kravtvoller. Er besitzt eine leicht-nasale, hohe Stimme und ihm gelingt es nicht nur mit seinem Gesang sehr gut die Melodie zu übertragen, sondern diese auch emotional zu gestalten. An manchen Stellen muss ich sogar an den großen Bruce denken, was aber auch an dem gelungenen „The Alchemist“-Cover liegen könnte (nicht auf dem Album, aber auf dem YouTube-Channel der Band)! Sein Akzent ist zwar durchaus hörbar, allerdings birgt es eine gewisse Sympathie. Auch seine Gitarrenarbeit gefällt mir sehr gut. Sein Talent stellt Hammerhead mit mehreren Soli und Tempowechseln gut in Szene. Was aber auch auffällt, sind die Klangwechsel der Gitarren. So findet man zwischen den überwiegenden rohen altmodischen Passagen auch mal modern klingende Stellen. So wechselt man zwischen brachialen und eher im Hintergrund stehenden Riffs hin und her und auch akustische Momente tauchen hin und wieder auf. Die Rhythmusabteilung macht ihre Sache ebenfalls sehr gut. Mit ihrem leidenschaftlichen und energiegeladenen Spiel untermauert sie das von Hammerhead gestaltete Gerüst wirklich hervorragend.

Hier ein kleiner Exkurs für diejenigen, die sich etwas besser mit der neuen Metalbewegung in Großbritannien auskennen: Wie ich schon mehrmals habe andeuten lassen, bin ich ein Riesenfan der Engländer Dark Forest – für mich ohne Zweifel DIE Band des letzten Jahrzehnts. Als ich also zum ersten Mal in Angel Martyr reinhörte, kam mir direkt der Gedanke: „Das erinnert mich doch an etwas“. Die Sache, an die ich erinnert wurde, ist das zweite Album der Briten, Dawn of Infinity, welches ich mittlerweile wohl mit der Höchstnote bewerten würde. Das liegt einerseits an Hammerheads wirklich starken Gesang, der dem von Will Lowry-Scott (zwischen 2009 und 2012 bei Dark Forest aktiv) zum Verwechseln ähnlich ist, andererseits aber auch an der höchstmelodischen Gestaltung der Lieder. Wem das besagte Album gefällt, kann ich also bereits jetzt schon eine uneingeschränkte Kaufempfehlung ans Herz legen!

Tiziano „Hammerhead“ Sbaragli

Ok, nun weiter im Text. Nach einem fast dreiminütigen atmosphärischen Intro geht es mit „The Legion of the Black Angels“, einem echten Highlight, zügig los! Das mitreißende Riff sowie Hammerheads leidenschaftlicher und melodischer Gesang addieren sich sehr gut und mit einem Chorus, der einen quasi zum Mitgrölen zwingt, wird das Ganze perfektioniert. Der zweite Song „Forgotten Metal“ ist eine Hommage an den True Metal und wie auf dem Vorgängeralbum, da war es für „Eric the Conqueror“, hat man sich hier für einen Track Tann von Ironsword an Bord geholt. Auch diesmal wurde der Sound etwas an dessen barbarische Stimme angepasst und folglich hat man eine direkte, aber mächtige „Barbarian Style“ Epic Metal-Nummer. Auf diesen Song folgt mein absolutes Highlight der Platte, „Black Twin Rising“. Während man sich diesmal im Midtempo befindet, dreht man in Sachen Melodie und Emotionalität voll auf. Seit langem hat mich ein Song nicht mehr so mitgerissen wie dieser, die Emotionalität im Chorus ist konsumierend, hat sich sofort auf mich übertragen und mich tief in ihren Bann gezogen. Was ein genialer Song! Auch die nächsten beiden Tracks können die Qualität halten. Beim Songwriting ist es Hammerhead problemlos gelungen, Emotionalität in die Songs zu integrieren; die Songs bekommen richtig Charakter! Anders als zu „Black Twin Rising“ ist die epische Note in den beiden folgenden Songs etwas prägnanter. „Reckless Master“ gefällt mir musikalisch zwar auch gut, ist im Vergleich zum restlichen Album aber am schwächsten. Mir ist der Song einfach etwas zur direkt und austauschbar, dennoch ist es eine eingängige Nummer, die Spaß macht. Der Schwachpunkt ist aber schnell vergessen, denn der folgende Titletrack knüpft mit seinem galoppierenden Riff und höchstmelodischen sowie emotionalen Chorus direkt an die Highlights der Platte an. Zum Abschluss wird es dann nochmal episch. Denn nach einem kleinen Zwischenspiel geht es los mit dem Longtrack „My name is legion“. Dieser ist nicht nur atmosphärisch, sondern hat fast schon etwas Progressives, das mich an Bands wie Virgin Steele oder Solitary Sabred – Letztere haben letztes Jahr ebenfalls ein richtig starkes Album veröffentlicht. Alles in allem also ein passender Abschluss zu einer genialen Platte!

Fazit: Wie in der Einleitung bereits erwähnt, gibt es selten Alben, die mich so schnell so sehr begeistern wie dieses. Für mich kamen Angel Martyr aus dem Nichts und sind jetzt schon zu einer meiner Lieblingsbands avanciert. Im Vergleich zum ebenfalls sehr starken Debüt hat man sich meiner Meinung nach nochmal gesteigert. Auch wenn man diesmal etwas weniger epische Akzente gesetzt hat, gelingt es einem trotzdem, die Hörerschaft durch das emotionale Songwriting in eine andere Welt zu versetzen. Die Platte ist gespickt mit Highlights und weist trotz ähnlicher Grundzüge in den einzelnen Songs genügend Abwechslung auf, sodass ich selbst nach wirklich vielfachem Hören immer nach völlig mitgerissen werde. Man stellt klar unter Beweis, dass man für Melodie und eingängige, mitreißende Chorusse keine Keyboardtsunamis oder Schlagerreime braucht. Neben Fans von klassischem Metal sollte das Album auch den Epikern gefallen. Für mich hat man ein absolutes Jahreshighlight abgeliefert, von dem ich jetzt schon weiß, dass es am Ende des Jahres auf dem Podest der besten Alben des Jahres stehen wird! Danke, Angel Martyr!

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